„Ein sorgenvoller Beigeschmack“
Ein Gespräch mit Bernhard Luthe, Delegierter des Erzbistums Köln, über den Auftakt zum Dialogprozess in Mannheim
von Regina Einig
Die Neuevangelisierung ist für viele Christen Kirchenthema Nummer eins. Welche Rolle spielte es in Mannheim?
Bedauerlicherweise wurde von der Neuevangelisierung nicht gesprochen. Nun war ein hilfesuchender Ton nicht zu überhören: So kann es nicht weitergehen mit der Kirche. Es muss sich etwas ändern. Für mich war aber charakteristisch, dass in meiner Arbeitsgruppe ein Pfarrgemeinderatsvorsitzender in einem kleinen Nebensatz konstatierte: „missionarisch – das mag ich nicht, ich sage lieber einladend“. Nun ist an einer Einladung tatsächlich nichts zu bemängeln. Allerdings: Unter Mission versteht Kirche etwas weit Umfassenderes (Mt 28, 18). Ob ich mich als Christ gesendet weiß, oder ob ich mich als Einladender begreife – mir scheint, da gibt es einen deutlichen Unterschied.
Hat das Treffen die Befürchtung bestärkt, die katholische Kirche in Deutschland spalte sich zunehmend?
Ich habe lange überlegt, wie ich eine solche Frage beantworten würde. Ich muss sie leider bejahen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder entsteht durch den „Dialogprozess“ eine zunehmend aufgestaute Frustration, weil Themen angesprochen werden, die unter den Nägeln brennen, sich aber doch nichts ändert. Oder es wird irgendwann ein (deutscher) Sonderweg beschritten, der mit der Lehrmeinung nicht mehr zu vereinbaren ist. Es besteht die große Gefahr, dass die Kirche in eine (nicht gewollte?) Richtung schlittert, die mehr zerstört, als aufbaut. Selbst wenn Kardinal Marx und Erzbischof Zollitsch in ihren Schlussworten den Beginn des Dialogprozesses positiv bewertet haben, so bleibt nicht nur bei mir, wie ich aus Einzelgesprächen weiß, ein zumindest sorgenvoller und fader Beigeschmack. Insbesondere um das vorgegebene Thema einer Vision für das Jahr 2015, überschrieben mit „Unsere Kirche hat (dann) große Ausstrahlungskraft“ wurde heftig gerungen. Und die Ergebnisse im Plenum waren für mich mehr als ernüchternd: „Frauen sind gleichberechtigt an der Leitung der Kirche beteiligt“ oder „durch geteilte Macht das Zusammenspiel der unterschiedlichen Charismen ermöglichen und nutzen“, vielfach so und ähnlich lauteten die Ergebnisse nach vielen Stunden geführten Dialogs. Aber: Was hat das mit Ausstrahlungskraft zu tun? Sollten dies wesentliche Merkmale der Kirche im Jahr 2015 sein? Ist Kirche dann glaubwürdiger? Glauben deswegen dann mehr Menschen an Gott?
Eignet sich Mannheim als Beispiel für einen glaubwürdigen kirchlichen Dialog?
Papst Paul VI. hat in der Enzyklika Ecclesiam suam geschrieben: „Daher ist das Gespräch eine Art, die apostolische Sendung auszuüben, es ist eine Kunst geistiger Mitteilung. Seine Eigenschaften sind folgende: Klarheit, Sanftmut, Vertrauen, Klugheit“. Ich bin mir nicht sicher, ob diese vier Eigenschaften auf den geführten Dialog wirklich zutreffen.
Kam in den Kleingruppen auch zur Sprache, welche Fragestellungen außerhalb der Kompetenz der deutschen Bischöfe liegen?
Danach wurde nicht gefragt. Die offensichtlich bewegendste Frage für die meisten Teilnehmer war: „Wie verändern wir Kirche“? Das Resümee, welches eine namhafte Teilnehmerin im Plenum zufrieden äußerte, war dies: „Das Wort Rom ist gestern und heute kein einziges Mal gefallen.“ Und der unüberhörbare Kommentar eines Gremiumvertreters in meiner Arbeitsgruppe war dieser: „Gott sei Dank“.
Wo waren positive Ansätze?
Positiv war die Umrahmung durch das Gebet. Gut waren aufrüttelnde und schöne Lebensberichte, die am ersten Tag vorgebracht wurden: Hier wurde Zeugnis gegeben, wie Gott sichtbar und wunderbar im Leben der Menschen wirkt. Hervorzuheben sind auch die guten persönlichen Gespräche in den Pausen oder am Abend.
Jolie (Landpfarrer)