Dominus Vobiscum

 

Die traditionelle Heilige Messe als Brücke zum Orient

Von Msgr. Joachim Schroedel, Kairo

 

 

Wenige Tage nach jenem berühmten Datum, dem 7. 7. 2007, an dem der Heilige Vater die Sehnsucht Vieler in der Kirche nach der traditionellen Form der Heiligen Messe erfüllt hat und seinen Wunsch zum Ausdruck gebracht hatte, dass sich auch diese „ältere Form“ des Messopfers „besonderer Wertschätzung“ erfreuen sollte, traf ich einen koptisch-orthodoxen Mönch des Paulusklosters in der Wüste von Ägypten. Er hatte mich vorher angerufen und wollte unbedingt mit mir sprechen. Warum, hatte er nicht gesagt. Ich öffnete die Tür und noch bevor er mich begrüßte sagte er „mabruk“ – „gesegnet seist Du“! Und er fuhr fort: „Euer Papst Benedictos ist wirklich ein Gesegneter; er öffnet den Weg auch für euch Katholiken wieder, den Herrn Anzubeten und die Gemeinde zu Ihm zu führen!“.

 

Die Heilige Messe wurde zur Lehrveranstaltung

 

Ich bin 1983 zum Priester geweiht worden. Als Ministrant hatte ich freilich die „Alte Messe“ (also die einzige Form) kennen gelernt. Es war eben diese Messe, die mich zum Priestertum gezogen hat – die Gebete und Riten, und natürlich auch das Geheimnisvolle dieser Feier. Der Begriff „Ehrfurcht“ hat dann in meinem Leben immer wieder eine Entscheidende Rolle gespielt. Und die Begegnung mit Jesus in der Gestalt der Eucharistie war und ist Höhepunkt des Tages oder der Woche. Das Ende des Konzils brachte eine Wende, die für mich nicht nachvollziehbar war. Ich verstand doch alles, was der Priester auf Latein betete, die wechselnden Teile wurden von einem Vorbeter übersetzt – aber das Heilige war bewahrt. Gerade erschreckend fand ich die Wende des Priesters zum Volk. Nun war die Heilige Messe zu einer etwas feierlicheren Schulstunde geworden. Man fühlte sich beobachtet und musste ständig aufmerksam sein. Für mich hörte das Gebet irgendwie auf. Und dann hörte auch ich auf, zu beten.

Es kam für mich eine lange Zeit der Distanz von der Kirche, bis ich kurz vor dem Abitur einem Priester begegnete, der quasi „heimlich“ die Messe feierte, wie ich sie kannte. „Es kommt alles wieder, hab keine Angst“ sagte er mir immer wieder. Ich begann das Theologiestudium 1974 und wurde mit der „modernen Theologie“ und schlimmer noch, mit der „modernen Liturgie der Kreativität“ konfrontiert. Die Kapelle hieß „Liturgieraum“, wer den Rosenkranz beten wollte, musste eher das Weite suchen.

 

Die Wiedergewinnung des Heiligen

 

Zum Freisemester wechselte ich nach – Jerusalem! Und was ich hier erleben dufte, war schon fast die Erfüllung des Satzes „Es kommt alles wieder, hab keine Angst“, des alten Pfarrers. Ich begegnete den orientalischen Riten, durfte lernen, dass es auch orientalische Kirchen gibt, die mit Rom uniert sind, und vor allem: Ich begegnete dem wieder, was ich so vermisst hatte: dem ehrfürchtigen Glauben, der Anbetung und der Verherrlichung Gottes! Ich durfte wieder und neu lernen, dass wir als feiernde Kirche im Kontinuum der Zeit stehen und selber Teil dieses herrlichen Zeitflusses sind. Jahrhunderte alte Gebete werden immer wieder lebendig, und der Höhepunkt der Heiligen Messe, die Wandlung, in ehrfürchtiger Stille, schenkte mir den Blick über die Jahrtausende hin auf den Berg Golgotha! Er opfert sich dahin und der Priester vollzieht dieses einmalige Opfer auf den Altären dieser Welt immer wieder neu: für uns!

Zurück gekommen galt es freilich, „durchzuhalten“. Kritische Fragen nach den Neuerungen der Liturgie waren nicht zugelassen.

 

Banalisierung des Heilsgeschehens

 

Wir fragten: Warum sind die Opferungsgebete der Messe durch jüdische Segensformeln ersetzt worden, die beim Tischgebet gesprochen werden? Man erhielt die Antwort: Das hat Jesus auch so gemacht. Wir frageten: Warum sehen wir nicht alle in eine Richtung, zur aufgehenden Sonne, Symbol für den Herrn? Die Antwort war: Weil Jesus auch nicht mit dem Rücken zu seinen Jüngern das Brot gebrochen hat.

Die „Neuordnung“ der Messe war ein Kahlschlag, eine „Bereinigung“ von vermeintlich Überflüssigem und vor allem: die Messe wurde zu einer historisierenden Lehrveranstaltung. „Wir machen das, was Jesus im Abendmahlssaal getan hat. Er hat Brot und Wein gereicht, das tun wir auch. Er hat gelehrt; das tun wir auch. Und wir schütteln einander die Hände, weil auch Jesus zu allen Menschen freundlich war!“

Was ich vor 35 Jahren „lernen“ musste war unerträgliche Banalisierung des Heilsgeschehens des Messopfers! Doch ich hielt die Erfahrungen von Jerusalem immer im Herzen: es gibt noch etwas anderes, und das ist ebenfalls katholisch! Doch es war natürlich auch verpönt, sich für die orientalischen Riten zu interessieren. Aber vor allem: Wehe dem, der es auch nur wagt, daran zu denken, in eine Messe im „alten Ritus“ zu gehen! Fürchtete da der Teufel das Weihwasser des „Asperges me“?

 

Die überlieferte Messe als Brücke zum Orient

 

Fünf Jahre nach meiner Priesterweihe trat eine neue Situation ein. Hatte ich bislang gelernt, die „alte Messe“ zu feiern sei absolut verboten, erklärte nun der Papst, dass es durchaus Ausnahmen gäbe. Ich hörte die Nachricht im Autoradio in Tübingen (!) und stimmte unter Tränen das Te Deum an. Seit 1995 bin ich nun als Priester für die deutschsprachigen Katholiken in Kairo tätig. Und dabei begegne ich in der Ökumene einer Liturgie, die seit Jahrhunderten unverändert ist und dennoch alle Krisen überdauert hat. Mehr noch, gerade die Kontinuität bei allem Wandel war es, die den Christen halt geben konnte. Und sie tut es auch heute noch.

Wenn ich die überlieferte Messe feiere bin ich den orientalischen Kirchen wesentlich näher, als bei der Feier der Messe im Novus Ordo. Koptische Freunde, die den traditionellen römischen Ritus miterleben feiern tatsächlich mit. Und bei der Feier im Novus Ordo? Ein Freund sagte mir: „Warum redest Du so viel mit der Gemeinde – beten ist doch Reden mit Gott“. Ich erklärte ihm, ich würde schon beten, aber dabei dennoch der Gemeinde gegenüber stehen (müssen). Seine Antwort: „Wenn wir beten, stehen wir alle in einer Richtung, wenn unser Priester predigt, dann sieht er uns an.“.

Die Freigabe der überlieferten Liturgie durch Benedikt XVI. ist war auch ein großer Schritt zur Ökumene. Die evangelischen kirchlichen Gemeinschaften werden durch die Orientalen zwar freundlich angesehen, aber eben als „westlich-moderne Erfindung“ abgetan. Eine zumindest mögliche Rückkehr zum überlieferten Ritus hilft der Catholica, wieder ernst genommen zu werden.

Und sogar die Muslime horchen auf. Als mein muslimischer Fahrer einmal bat, Bei einer Messe sein zu können war er vor allem beeindruckt durch die Tatsache, dass auch wir eine Gebetsrichtung haben. Der muslimische Vorbeter führt die betende Gemeinde mit seiner Stimme an; nicht mit Gesten oder Blicken, sondern als Erster unter Gleichen. Ein anderer muslimischer Bekannter sagte einmal, er hätte geglaubt, die Christen beten eigentlich gar nicht, sie würden immer nur Predigten hören müssen – Handlungsanweisungen empfangen eben. Nach einem Besuch der messe im überlieferten Ritus kam er strahlend und sagte: Ich habe gemerkt, Ihr verehrt Gott doch ebenso, wie wir. Ihn hatten, neben der Gebetsrichtung, auch die vielen Verneigungen und Kniebeugen überzeugt.

 

Zum Schluß; ich feiere privat quasi täglich die überlieferte Messe. Der Priester soll täglich das Messopfer darbringen, das ist nicht nur im canonischen Recht so angeordnet, sondern hat in der geistlichen Dimension des priesterlichen Lebens seine Tiefe Bedeutung. Auch ohne „Gemeinde“ bringt er das Opfer Christi da und lässt es wirksam werden für die gesamte Kirche. Das Priesterjahr hat mich, zusammen mit dem motu proprio, wieder zurück in das Geheimnis meines Priestertums geführt. Die pastoral-funktionalistische Sicht des Priestertums (Ich hatte noch lernen müssen, es sei „verboten“, die Hl. Messe alleine zu feiern!) ist einer, spirituellen Sicht gewichen. Wenn der sich opfernde Herr mich als Werkzeug zur Darbringung seines Opfers braucht, dann tue ich dies mit ganzer Hingabe. Natürlich zelebriere ich dabei nicht zu den leeren Kirchenbänken, vielleicht noch mit dem Rücken zum Tabernakel, sondern zum Herrn hin. Das hatte ich schon bei der privaten Feier der Hl. Messe im Novus Ordo getan.

Doch sind es vor allem die Gebete der Opferung und die Gebete zur Vorbereitung zum Empfang des Leibes und Blutes Christi, die mich und täglich intensiver zu IHM führen.

 

Ich gebe zu, dass es selbst für fromme Ordensfrauen in Ägypten nicht leicht ist, die in der Feier der Heiligen Messe nach dem überlieferten Ritus zu findenden Werte zu finden und sich hineinzufühlen. Besonders bei Schwestern, die als Ägypterinnen schon seit 30 und mehr Jahren nichts anderes kennen, als den Novus Ordo – und ihn auch würdig und gerne feiern. Ich konnte aber die Erfahrung machen, dass junge Schwestern sehr offen sind für die „heiligere Feier“, wie es mir einmal eine junge Schwester sagte.

 

Wir heben einen Schatz

 

Seit Beginn etwa 15 Monaten feiere ich auch mit den Schwestern etwa wöchentlich einmal die Heilige Messe im überlieferten Ritus. Und natürlich sind auch immer Gemeindemitglieder dabei, die dankbar für diese Form der Messe sind. Die Messe nach dem Novus Ordo bleibt meines Erachtens theologisch weit hinter der überlieferten Form zurück. Sie ist in vieler Hinsicht eine Vereinfachung und Verflachung der Botschaft des sich uns opfernden Herrn. Die vom Hl. Vater so genannte „außerordentliche Form des römischen Ritus“ ist das Zeugnis des Glaubens über die Zeiten hinweg. Sie ist ein Schatz, der neu entdeckt werden möchte. Meinen Beitrag dazu will ich gerne leisten.