Predigt am So, 19.09.2010 in St. Michael Nieder-Ramstadt (Pfr. H. Jolie)
Liebe Schwestern und Brüder,
genau drei Jahre ist es her, dass unser Heiliger Vater, Papst Benedikt XVI., mit dem Motu Proprio „Summorum pontificum“ Folgendes festsetzte: Von nun an sei es erlaubt,
„das Messopfer nach der vom sel. Johannes XXIII. promulgierten und niemals abgeschafften Editio typica des Römischen Messbuchs als außerordentliche Form der Liturgie der Kirche zu feiern.“
Gemeint ist die sogenannte tridentinische Messe, die jedoch – um mit „Summorum pontificum“ zu sprechen – keineswegs ein Produkt des Trienter Konzils von 1563 ist. Papst Benedikt führt die außerordentliche Form des römischen Ritus zurück auf die Reform Gregors der Großen am Ende des sechsten Jahrhunderts. Dieser habe angeordnet – so Papst Benedikt in „Summorum pontificum“ - dass „die in Rom gefeierte Form der heiligen Liturgie festgestellt und bewahrt werde.“ Auch Papst Gregor hat diese Liturgie also keineswegs geschaffen – sie ist viel älter und reicht bis in die Antike hinein. Weiter schreibt der Papst: „Es steht fraglos fest, dass die lateinische Liturgie … sehr viele Heilige im geistlichen Leben angespornt und so viele Völker in der Tugend der Gottesverehrung gestärkt und deren Frömmigkeit befruchtet hat.“
Wir erkennen, in welche historischen Dimensionen der gegenwärtige Papst die Rehabilitierung der gregorianischen Messe stellt – ein Ritus, von dem er sagt, dass er niemals verboten war.
Zu seinen Motiven, diese außerordentliche Form des römischen Ritus wieder zuzulassen, äußert sich der Papst wie folgt: Es sei immer schon die Sorge der Päpste gewesen, „dass die Kirche Christi der Göttlichen Majestät einen würdigen Kult darbringt“. Außerdem – so Benedikt weiter – müsse „jede Teilkirche mit der Gesamtkirche nicht nur hinsichtlich der Glaubenslehre und der sakramentalen Zeichen übereinstimmen, sondern auch hinsichtlich der universal von der apostolischen und ununterbrochenen Überlieferung empfangenen Gebräuche.“ Diese seien einzuhalten, „nicht nur um Irrtümer zu vermeiden“ – so der Papst weiter – „sondern auch, damit der Glaube unversehrt weitergegeben wird; denn das Gesetz des Betens (lex orandi) der Kirche entspricht ihrem Gesetz des Glaubens (lex credendi)."
Es geht also um den Glauben, liebe Schwestern und Brüder, der nur in der Einheit der Gesamtkirche unversehrt bewahrt werden kann. Diese Einheit ist nicht nur räumlich zu sehen: So zeichnet es die katholische Kirche aus, dass sie eine Weltkirche ist: In den verschiedenen Völkern, Sprachen und Kulturen wird ein und derselbe Glauben bekannt, der uns eint und der uns das ewige Leben schenkt.
Die Einheit es Glaubens ist aber nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich zu verstehen: Was früher geglaubt wurde, muss auch heute noch gelten und bleibt bis zum Ende der Zeiten gültig. Diese räumliche und zeitliche Einheit der Kirche ist die Sorge des Papstes, die ihn trieb, das Motu Proprio zu verfassen.
Der Heilige Paulus drückt es in der heutigen Lesung wie folgt aus
„Bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält. Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.“
Es geht um den Glauben, der nur einer sein kann, liebe Schwestern und Brüder. Hier erinnert der Papst an einen alten Grundsatz, dass Beten und Glauben der Kirche einander entsprechen müssen: Lex orandi lex credendi.
Schon als Kardinal hatte er den Umgang der Kirche mit der Alten Messe kritisiert. Er schreibt im Jahr 2000:
„Eine Gemeinschaft, die das, was ihr bisher das Heiligste und Höchste war, plötzlich als strikt verboten erklärt und das Verlangen danach geradezu als unanständig erscheinen lässt, stellt sich selbst in Frage. Denn was soll man ihr eigentlich noch glauben? Wird sie nicht morgen wieder verbieten, was sie heute vorschreibt?“
Es geht um den Glauben, liebe Schwestern und Brüder. Der Glaube ist in Gefahr. Bei den Endlosdiskussionen um „Latein“ oder „nicht Latein“, bei den Streitigkeiten, ob der Pfarrer der Gemeinde den Rücken zuwenden darf oder ob es angemessener ist, wenn der Zelebranten bei der Wandlung in die Gemeinde schaut, wird dies zuweilen vergessen: Wo das „Gesetz des Betens“, die lex orandi in Form der Alten Messe durch einen in der Kirchengeschichte einzigartigen Willkürakt über Nacht gebrochen und mit einem Verbot belegt wird, droht ein noch viel verhängnisvollerer Bruch: Ein Bruch des Glaubens. Die Kirche zerfällt in eine vor- und eine nachkonziliare Kirche. Und tatsächlich gibt es in der Vorstellung der Gläubigen zwei Arten zu glauben: Eine vor- und eine nachkonziliare Art. Es gibt auch zwei Sorten von Priestern, die man schon an ihrer Kleidung zu erkennen glaubt: Vorkonziliare und nachkonziliare Priester.
Das ist natürlich unsinnig und dem katholischen Glauben zutiefst entgegengesetzt. Aber es prägt das Lebensgefühl der Gläubigen. Durch die Kirche Christi geht ein unheilvoller Riss. Und dieser Riss droht sich zur Spaltung auszuweiten. Dies hat der Papst mit Summorum pontificum erkannt. Dies versucht er, durch die Rehabilitierung der „Alten Messe“ zu überwinden.
Der Papst weiß, dass eine Spaltung der Kirche und damit des Glaubens letztlich einen Verlust des Glaubens bedeuten würde. In diesem Sinn hatte er sich im März 2009 an die Bischöfe der Weltkirche gewandt und geschrieben:
In unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, ist die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt und den Menschen den Zugang zu Gott zu öffnen. Nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13, 1) - im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen. Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, dass Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und dass mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen.
Wenn die Gefahr besteht, dass der Glaube der Kirche Schaden leidet, dann muss der Papst eingreifen. Die größte Gefahr für den Glauben, so hat es Kardinal Ratzinger vor dem Konklave in seiner berühmten Predigt ausgedrückt, sei der Relativismus. Wenn die Menschen den Eindruck bekommen, dass all das, was in den 50er Jahren gepredigt wurde, heute nicht mehr gilt, dann ist der Glaube in Gefahr. Wie oft hören wir diesen Spruch: „Ja, früher, da wurde uns dies und das gesagt. Aber nach dem Konzil ist das ja nicht mehr so.“
Oftmals wissen die Menschen aber gar nicht, wie es heute ist. Aber zumindest ist man davon überzeugt, dass die Kirche heute vieles nicht mehr „so eng“ sieht: Sei es die Lehre von Himmel, Hölle und Fegefeuer, sei es die Lehre über die Heilsnotwendigkeit des katholischen Glaubens oder auch die Frage, ob es eine oder mehrere Kirchen Jesu Christi geben kann. Ob es um die Frage der Sonntagspflicht geht oder um die Verpflichtung zur jährlichen Beichte. Alles sieht man heute „nicht mehr so eng.“
Im Grunde geht es natürlich gernicht um die Frage „streng“ oder „nicht streng“. Sicher kann es in der kirchlichen Disziplin Veränderungen geben. Es macht aber nachdenklich, wenn immer wieder von einem „Vorher“ und einem „Nachher“ spricht. Die Menschen verlieren die Orientierung im Glauben, so wie es der Papst in dem obigen Zitat ausdrückt. Und nicht wenige fragen sich: Was gilt eigentlich noch? Und: Wird morgen noch gelten, was man uns heute erzählt?
In seinem Begleitbrief zum Motu proprio hat der Papst dies sehr hellsichtig ausgedrückt. Er schreibt:
„In der Rückschau auf die Spaltungen, die den Leib Christi im Lauf der Jahrhunderte verwundet haben, entsteht immer wieder der Eindruck, dass in den kritischen Momenten, in denen sich die Spaltung anbahnte, von Seiten der Verantwortlichen in der Kirche nicht genug getan worden ist, um Versöhnung und Einheit zu erhalten oder neu zu gewinnen; dass Versäumnisse in der Kirche mit schuld daran sind, dass Spaltungen sich verfestigen konnten. Diese Rückschau legt uns heute eine Verpflichtung auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, um all denen das Verbleiben in der Einheit oder das neue Finden zu ihr zu ermöglichen, die wirklich Sehnsucht nach Einheit tragen.“
Liebe Schwestern, es geht hier nicht um ein paar wenige unbelehrbare Traditionalisten, die der Papst im Blick hat. Es geht um die Einheit der Kirche. Es geht um den einen Glauben. Dieser steht auf dem Spiel. In weiten Teilen hat sich eine Pseudo-Religiosität breitgemacht, die aus dem Glauben und der Liturgie nur das herausnimmt und gelten lässt, was dem persönlichen Geschmack und Empfinden entspricht. Diese Auswahlmentalität gefährdet den Glauben. Sie verdunkelt den Blick dafür, dass der Glaube etwas wesenhaft Überliefertes und nicht etwas Selbstgemachtes ist. Dies gilt für die gesamte Glaubenslehre. Es gilt für die kirchliche Moral. Und es gilt in für die Liturgie, denn das Gesetz des Betens formt das Gesetz des Glaubens und umgekehrt.
Lassen Sie mich zum Schluss noch auf einige konkreten Fragen eingehen, die durch die Feier der Alten Messe in unserer Pfarrei aufgeworfen werden.
- Zunächst: Unseren Pfarreien und ihren Pfarrern fehlt die Vertrautheit mit einem Ritus, der über 40 Jahre lang nicht gefeiert wurde. Es gilt, sich dieser Form der Eucharistie wieder zu nähern – und zwar von Seiten des Priesters und seiner Assistenten wie auch von Seiten der Gläubigen. Niemand will hier die 50er Jahre einfach wieder aufleben lassen, wie das auf sogenannten Retro-Partys geschieht: Feste, in denen man sich an eine vergangene Epoche durch entsprechendes Acessoires erinnert. Es geht nicht um einen Rückblick auf die gute alte Zeit. Es geht darum, das angeblich Neue mit dem vermeintlich Alten zu versöhnen. Der Papst spricht hier von gegenseitiger Bereicherung. Und wie immer, wenn sich Altes und Neues begegnen, geschieht auch Korrektur und Neuausrichtung. Wie viel haben wir persönlich von unseren Eltern und Großeltern gelernt, wie viel verdanken wir aber auch der jüngeren Generation. Dies muss auch für den Umgang mit der Liturgie gelten. Und bei allem bleibt der Maßstab der katholische Glaube.
- Die Paramente und liturgischen Geräte dieser Feier stammen überwiegend aus den 50er Jahren. Dies trägt natürlich zum musealen Charakter dieser Messfeier bei. Bei vielen Gläubigen werden hierdurch Erinnerungen wach, die nicht immer nur positiv sind. Einen Priester in Soutane verbinden manche noch mit dem autoritären Auftreten vieler Amtsträger vor dem Konzil. Manche müssen an die brachialen Erziehungsmethoden denken, wie sie bis weit in die 60er Jahre noch üblich waren. Wir müssen den Menschen immer wieder sagen, dass wir mit den überlieferten Formen nicht die Fehlhaltungen dieser Epoche wiederaufleben lassen wollen. Es gibt einen fehlgeleiteten Klerikalismus, es gibt die entleerte Form, zweifellos. Davon distanzieren wir uns mit allem Nachdruck. Und aufgrund dieser belasteten Vergangenheit wird es eine Zeit dauern, bis wir diesen Ritus der tridentinischen Messe in das liturgische Gefüge unserer Gemeinde integriert haben. Die Gläubigen müssen merken: Wir wollen nicht demonstrieren, wie es früher einmal war. Es geht um einen Ritus, der immer lebendig und immer jung war. Hoffen wir, dass sich die Gläubigen nicht zu sehr an diesen Äußerlichkeiten stören.
- Ein weiteres Problem betrifft den Gesang: Natürlich ist der gregorianische Gesang der originäre Gesang der Heiligen Messe. Wir sind dankbar für die Männerschola St. Michael, die ich schon von meinem Vorgänger übernehmen durfte. Es ist aber nicht so, dass in der tridentinischen Messe ausschließlich Latein oder gregorianisch gesungen werden darf. Sicher, wir sollten die größere Stille und Sakralität dieses Ritus nicht mit zu vielen Liedern zudecken. Was das Liedgut anbelangt, so ist es natürlich möglich, anderes Liedgut einfließen zu lassen. Vielleicht würde es manchem Gutwilligen den Zugang erleichtern, wenn er in der Alten Messe einen Kehrvers aus Taizé oder ein Anbetungslied aus der charismatischen Erneuerung entdecken würde. Warum eigentlich nicht? Was spricht dagegen? Wir wissen, wie wichtig die Frage der Musik ist, wenn es darum geht, dass Menschen sich in einem Ritus heimisch fühlen.
- Die Wendung des Zelebranten zum Kreuz hin ist für viele Gläubige ein Ärgernis. Sie vermuten hier einen subtilen Klerikalismus in dem Sinne: Der Priester wendet sich von den Gläubigen ab, das von ihm vollzogene Ritual geschieht unsichtbar und in einer fremden, elitären und dazu noch geflüsterten Sprache. Hier tut Aufklärung not. In Kinderfreizeiten und Zeltlagern habe ich mir es angewöhnt, mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam in eine Richtung zu beten. Dies gilt selbstverständlich nicht, wenn ich eine Lesung vortrage oder predige. Von den jungen Leuten käme wohl niemand auf die Idee, dass der Pfarrer etwas Schlechtes bzw. Arrogantes tut, wenn er sich bei der Heiligen Wandlung zum Kreuz hin verneigt und die Wandlungsworte leise spricht. Hier müssen wir den Leuten zu verstehen helfen, dass eine gemeinsame Hinwendung zu Gott gerade im Moment der intimsten Momente der Heiligen Messe zutiefst angemessen ist und nichts Elitäres bedeutet. Wir brauchen ein neues Gespür für Intimität und Ehrfurcht. Wenn Liebende miteinander tuscheln, ist das auch kein Ausdruck von Arroganz. Im Gegenteil: wenn sie ihr Zuneigungsgeflüster über ein Bühnenmikrophon bzw. eine Stadionleinwand übertragen würden, würde sich jeder zivilisierte Mensch diskret abwenden. Warum ist das so schwer zu verstehen?
- Schwierig bleibt natürlich die Frage der männlichen Ministranten. Für den Alten Ritus gilt: Der enge Kontakt des Priesters mit dem Ministranten beim Schuldbekenntnis, wo die Ministranten sich dem Zelebranten sehr eng zuwenden, um ihn um sein Gebet bitten, wie auch z.B. das Heben seines Untergewandes beim Gang zum Altar, das Heben des Messgewandes bei der Wandlung bis hin zu dem Brauch, die Hände des Zelebranten zu küssen, wenn er das Weihrauchfass aus der Hand der Ministranten entgegennimmt: All dies legt nahe, dies nicht von weiblichen Ministranten ausgeübt wird. Der Alte Ritus bezieht den Ministrantendienst eng auf den Dienst des Priesters. Alles, was im Altarraum geschieht, erscheint wie eine Verlängerung des priesterlichen Dienstes. Der Papst hat immer wieder auch argumentativ dargelegt, dass Mädchen und junge Frauen nicht degradiert werden, wenn ihnen das Priesteramt vorenthalten wird. Ihre Aufgabe beim hl. Messopfer in der außerordentlichen Form ist eine andere. Sie könnte z.B. im Musikdienst oder auch in der Begleitung und Hinführung von Kindern zum Messgeschehen bestehen. Kritisch könnte man außerdem fragen, ob die größere Zahl aktiver Dienste im Altarraum, wie sie der neue Ritus vorsieht, tatsächlich zu einer größeren inneren Teilnahme aller Gläubigen geführt hat. Die schwindende Zahl der Gottesdienstbesucher z.B. in unserem Bistum (50 Prozent Schwund in den letzten 20 Jahren) berechtigt zumindest zu einer kritischen Rückfrage. Ist es tatsächlich gelungen, mehr Kinder und Jugendliche für die Eucharistie zu begeistern, indem der liturgische Dienst im Altarraum für jeden ermöglicht wurde? Hier sind Zweifel angebracht. Jeder weiß, dass wir in unseren Pfarreien viele Mädchen und Jungen haben, die ihren liturgischen Dienst andächtig und mit der rechten Gesinnung ausüben. Wer aber mit der Kirche verbunden ist, der wird sein Herz auch den Anliegen des Papstes öffnen können.
- Überhaupt ist die Frage der Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen im Alten Ritus eine noch ungelöste Frage. Dies umso mehr, als die Kinder und Jugendlichen im Hinblick auf den Alten Ritus sicher nicht das Problem darstellen, sondern eher ihre Eltern und Großeltern, die diese Messform ablehnen. Selbstverständlich ist innerhalb des Alten Ritus eine Kinderkatechese oder ein Predigtgespräch mit den jungen Leuten denkbar. Auch über die Musik wäre es sicher möglich, einen Sinn und ein Gespür für den Alten Ritus zu wecken. Ähnlich wie in der Priesterausbildung müsste auch in der Katechese der Kommunionkinder und Firmlinge eine Beschäftigung mit dem Alten Ritus auf dem Programm stehen. Von meinen Eltern und Großeltern weiß ich, dass Kinder und Jugendliche früher den alten Ritus zuhause nachgespielt haben. Das zeigt doch, wie groß die Faszination gerade dieser Messform auf Kinder ist. Wie viele ältere Herrschaften, die früher einmal Messdiener waren, können auch nach Jahrzehnten noch das Stufengebet oder das „mea culpa“ auswendig. Wäre so etwas auch beim Neuen Ritus denkbar? Zumindest habe ich das noch nie gehört.
- Zum Schluss noch ein Wort zum Kommunionempfang. Hier muss man zunächst feststellen, dass der legere Umgang mit dem Allerheiligsten im Neuen Ritus bei einer zunehmenden Zahl von Katholiken für Unbehagen sorgt: „Die Leute nehmen die Kommunion wie man früher das Weihwasser nahm“, so hat es neulich ein Mitbruder ausgedrückt. In der Neuen Messe gehen so gut wie alle zur Kommunion, und das völlig unabhängig von ihrer inneren Disposition und vom Gnadenstand: Wer sitzen bleibt, der macht sich verdächtig: Hat er vielleicht die Ehe gebrochen? Seinen Nachbarn erschlagen? Einen Supermarkt überfallen und die Kasse geraubt? Dass die Praxis jahrzehntelangen Kommunionempfangs ohne den Empfang des Bußsakramentes keine Frucht bringt, ist einer zunehmenden Zahl von Priestern und Gläubigen klar. Mehr noch: Der routinemäßige Empfang der Kommunion unabhängig von Disposition, Gnadenstand und Konfession ist in meinen Augen die Hauptursache für den Niedergang des Glaubens: Etwas, das ständig und für alle verfügbar ist, verliert naturgemäß an Wert. Außerdem steht diese Praxis in krassem Widerspruch zu dem, was der kirchliche Glaube über das Sakrament der Eucharistie und den Kommunionempfang lehrt. Und weiter: Kann man ernsthaft behaupten, dass der stehende Kommunionempfang mit der Hand die Ehrfurcht und Hochschätzung dieses Sakramentes gefördert hat? Der alte Ritus sieht den knienden Empfang der Heiligen Kommunion vor. Dies geschieht dann außerdem nicht, indem sich der Gläubige die Kommunion mit der Hand selbst spendet. Vielmehr empfängt er die Kommunion durch die Hand des Priesters, und zwar aus dem einfachen Grund: Niemand tauft sich mit der eigenen Hand, niemand schlägt das Kreuzzeichen über sich und vergibt sich selbst die Sünden, niemand taucht den Finger in das Krankenöl und spendet sich die Salbung eigenmächtig. Alle Sakramente empfangen wir durch die Hand des Priesters oder des Diakons. Warum sollte es ausgerechnet bei dem allerheiligsten Altarsakrament anders sein? Es wäre übrigens überhaupt kein Problem, wenn jemand in die Alte Messe kommt, um diese Form zu erleben, und dann erst einmal sitzenbleibt, weil er sich sagt: „Diese Form des Kommunionempfangs ist für mich ungewohnt.“ Leider ist es so, dass viele Gläubige heute denken: Wenn ich in einer Messe nicht kommuniziere, dann brauche ich erst gar nicht hinzugehen.
Liebe Schwestern und Brüder, es ist noch ein langer Weg, bis die Alte Messe in das Leben einer modernen Pfarrgemeinde integriert ist. Die heutigen Überlegungen sollten eine Anregung zum Nachdenken sein. Beten wir für die Erneuerung des Glaubens in unserer Pfarrgruppe. Beten wir dafür, dass sich viele Herzen dem Geheimnis der Eucharistie öffnen können. Und vertrauen wir schließlich unsere eigene Nöten der allerseligsten Jungfrau Maria an. Sie ist die Mittlerin aller Gnaden, die zugegen war, als Ihr hochheiliger Sohn das Opfer auf dem Altar des Kreuzes darbrachte. Ihr weihen wir uns in dieser Stunde. Möge sie, deren unbeflecktes Herz am Ende triumphieren wird, den Sieg Christi vorantreiben und seine Ankunft beschleunigen.
Amen
Jolie (Landpfarrer)