Heilige Theresa, Kathedrale von Thorn/Polen
Heilige Theresa, Kathedrale von Thorn/Polen

Heiligenverehrung – noch zeitgemäß?

Eine Annäherung in sieben Schritten von Pfarrer Hendrick Jolie

 

 

„Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen. Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm. […] Da fragte mich einer der Ältesten: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen? Ich erwiderte ihm: Mein Herr, das musst du wissen. Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel; und der, der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt über ihnen aufschlagen.“

(Offb 7,9-15)

 

Erster Schritt: Einen Sinn für die unsichtbare Welt entwickeln

Die Offenbarung des Heiligen Johannes ist das letzte Buch der Heiligen Schrift. Der Seher empfängt die Gnade, die unsichtbare Welt zu sehen: Dinge, die wir mit unseren leiblichen Augen normalerweise nicht sehen können. Der Christ braucht dieses Gespür für die unsichtbare und dennoch reale, d.h. wirklich existierende Welt.

Was sieht der Seher? Er sieht in den Himmel, wo die Vollendeten das neue Lied der Erlösten singen. Es sind jene, die aus der „großen Bedrängnis“ kommen; die um ihres Glaubens willen verfolgt wurden. Sie stehen vor Gottes Angesicht, sie dienen ihm und loben ihn.

 

Zweiter Schritt: Die Vollendeten sind in der Gegenwart Gottes angekommen.

Ich zitiere diese Stelle gerne, wenn ich von meinen protestantischen Freunden nach der biblischen Begründung für die Heiligenverehrung gefragt werde. Sie zeigt uns: Die Freunde Christi werden nach ihrem Tod dort sein, wo ihr Meister und Freund ist: „Wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein.“ (Joh 13, 19) Das ist keine Spekulation. Darauf können wir im Leben und noch mehr im Sterben bauen. Gott schenkt jenen, die ihm treu geblieben sind, seine Nähe, die durch nichts – auch nicht durch den Tod – zerstört werden kann.

 

Dritter Schritt: Wir sind im Geheimnis der Kirche mit allen verbunden

Die Vision des Heiligen Johannes ist aufgeschrieben als Trost und Ermutigung für jene, die auf Erden den Kampf des Glaubens noch zu bestehen haben. Das Lied der Erlösten, ihr Lobpreis und ihr Triumph geschehen nicht nur um der Ehre des dreifaltigen Gottes willen, sondern auch um unseretwillen: In den mühsamen Kämpfen unseres Alltags geht der Blick „nach oben“. Und wir sehen: Viele von denen, die zu Christus gehören, haben es „schon geschafft“, sind schon bei Gott angekommen. Wir dürfen uns mit ihnen über diesen Sieg freuen, so wie eine Nation jubelt, wenn einer von ihnen auf dem Siegertreppchen steht: Er gehört zu uns, und sein Sieg ist auch unser Sieg und unsere Freude.

 

Vierter Schritt: das Geheimnis des Christentums ist ein Geheimnis der Vermittlung

Es geht hier nicht um ein rein äußerliches Mitfreuen, es geht um mehr: Im Geheimnis der Kirche geschieht – ähnlich wie im Blutkreislauf des Menschen – Austausch der Gaben untereinander. Der Heilige Paulus drückt das aus mit dem Bild des Leibes: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ (1Kor 12,26) Dieser Austausch ist nichts Äußerliches im Sinne des bloßen „Vorbild-Seins“. Es geschieht hier Vermittlung von Gaben im Geheimnis des Leibes Christi, der die Kirche ist: So wie die Sünde einzelner Christen den ganzen Leib der Kirche verdunkelt und schädigt, so baut das vorbildliche Leben der Freunde Gottes den ganzen Leib auf und macht ihn hell, klar und schön. Wenn einzelne Christen nach ihrem Tod „heiliggesprochen“ werden, bedeutet das: Ihr Zeugnis hat eine Botschaft für die gesamte Christenheit. (Das schließt natürlich nicht aus, dass die tatsächliche Zahl der bereits bei Gott Vollendeten viel größer ist als jene der offiziell kanonisierten Heiligen.)

 

Fünfter Schritt: JA sagen zu der Weise, wie Gott sein Heil schenkt

Der Liebe Gott hat es so gewollt, dass seine Gnade in Form der menschlichen Vermittlung zu uns kommt. Gott wurde Mensch, und dazu war die Bereitschaft eines Menschen „notwendig“. Ohne das „Ja“ Mariens wäre Jesus nicht Mensch geworden. Oder: Die zweite Person der allerheiligsten Dreifaltigkeit (der Sohn) erschien auf Erden und bediente sich dabei der Menschheit Christi als Vermittlung. Dieses Prinzip der Vermittlung beschränkt sich aber nicht auf den einzigen Mittler, Jesus Christus. Er bezieht uns, die wir ja zu ihm gehören, in diesen Vermittlungsdienst mit ein. Durch Jesus und mit ihm und in ihm sind wir gerufen, für die Schwestern und Brüder betend, opfernd, leidend und Gutes wirkend da zu sein. Dies gilt im Leben und – wie die Offenbarung des Johannes uns zeigt – eben auch nach dem Tod (s.o.).

 

Sechster Schritt: Die Vermittlung der Gnaden ist konkret und leibhaftig

Das Gute, das ich um Christi willen anderen tue, kommt nicht nur konkreten Menschen zugute. Es sorgt auch dafür, dass das Gute im Geheimnis des Leibes Christ zunimmt, dass die Kirche an Ausstrahlungskraft gewinnt. Wie eine Infusion den ganzen Blutkreislauf durchdringt, so gehen die guten Werke, aber auch das verborgene Gebet und nicht zuletzt auch das geduldig getragene („aufgeopferte“, d.h. mit dem Leiden Jesu verbundene) Leiden ein in die Gemeinschaft der Glaubenden und wirkt sich heilend, stärkend, tröstend aus.

 

Siebter Schritt: Die Heiligen um Fürsprache anrufen

Heiligenverehrung muss man „ausprobieren“: Das Gebet der Heiligen, ihr tapferes Glaubenszeugnis, ihre selbstlose Liebe und vieles mehr gehen „vom Himmel her“ ein in den Leib Christi, der die Kirche ist (und der ja nicht nur die irdische Wirklichkeit der Kirche umfasst). Diese Geschenke der Heiligen wirken jedoch nicht „automatisch“ (wie im Gegensatz dazu z.B. eine Infusion, die dem Blutkreislauf zugeführt wird). Sie werden jenen zuteil, die darum bitten. Deswegen empfiehlt die Kirche die Verehrung der Heiligen. Sie werden nicht „angebetet“: Wir treten in einen Austausch der Gaben und Geschenke, indem wir ihren Beistand im Gebet anrufen.

 

Achter Schritt: Die Wirklichkeit der Heiligenverehrung bezeugen

Immer wieder höre ich den Einwand, dass die Heiligenverehrung von Gott ablenke. Wer direkt zum „Chef“ gehen könne, brauche sich nicht mit der „Vorzimmerdame“ (z.B. mit der Gottesmutter Maria) aufhalten. Christen hätten den direkten Draht zum lieben Gott, alles andere sei Götzendienst.

Darauf ist zu antworten: Gott hat es gefallen, die Glieder des Leibes Christi – also alle, die zu Christus gehören, in den Dienst der Erlösung mit einzubeziehen. Ob er es auch anders hätte machen können, steht hier nicht zur Diskussion: Gott wollte es so. Gott hat das Heil der Menschen von menschlicher Mitwirkung und Vermittlung abhängig gemacht: Angefangen vom „Ja“ der Gottesmutter (bis hin beispielsweise zum Gebet meiner eigenen Großmutter, die an meiner persönlichen Bekehrung sicher nicht „unschuldig“ war). Und weil es dem lieben Gott gefallen hat, dass wir nur miteinander und im gegenseitigen Austausch von Gebet und Gaben in den Himmel kommen, sollten wir dies dankbar annehmen: Es ist doch schön, dass Gott von uns Menschen so groß denkt, dass er jeden von uns ruft, Mitarbeiter der Erlösung zu werden.

Oder etwas nicht?

 

Hendrick Jolie ist Pfarrer von vier kleinen Diasporagemeinden im Bistum Mainz und Mitbegründer des „Priesternetzwerkes“. Näheres unter www.pfarrer-jolie.de