Therese von Lisieux (1873 – 1897)

Therese vom Kinde Jesu und vom Heiligsten Antlitz

Karmelitin, Kirchenlehrerin, Patronin der Jugendlichen

 

Wir befinden uns im Jahre 1897. Am 30. September stirbt in Lisieux die Karmelitin Theresia vom Kinde Jesu und vom heiligsten Antlitz. Die Vierundzwanzigjährige vertraut ihren Mitschwestern sterbend das Geheimnis ihrer Berufung an:

 

"Nein, ich bin keine Heilige. Ich bin eine winzige kleine Seele, die der liebe Gott begnadet hat. Meine Sendung wird beginnen, meine Sendung, die Menschen zu lehren, den lieben Gott so zu lieben, wie ich ihn liebe, den Seelen meinen kleinen Weg zu zeigen. Ja, ich möchte meinen Himmel damit verbringen, auf Erden Gutes zu tun."

 

Theresia sollte recht behalten: Schon bald nach ihrem Tod wurden ihre Schriften in viele Sprachen übersetzt. 1925 wird sie heiliggesprochen. Am 19. Oktober 1997 hat Papst Johannes Paul II. sie zur Kirchenlehrerin ernannt.

Wer ist Theresia? Ihr äußeres Leben verlief unscheinbar: 1873 geboren, verliert sie mit 4 Jahren ihre Mutter. Sie wird so krank, dass der Arzt sie bereits aufgibt. Durch ein Wunder - das "Lächeln der Muttergottes" - wird sie geheilt. Schon mit 15 Jahren folgt sie ihren beiden Schwestern in den Karmel von Lisieux:

 

"Keineswegs, um mit meinen Schwestern zusammenzuleben, bin ich in den Karmel gekommen, sondern ausschließlich, um dem Ruf Jesu zu folgen. Ich bin hier, um Seelen zu retten und besonders, um für die Priester zu beten."

 

Theresia ist hin- und hergerissen zwischen den verschiedensten Berufungen. Aus Liebe zu Jesus möchte sie am liebsten alle Werke auf einmal vollbringen. So fühlt sie sich berufen zum Propheten, zum Märtyrer, zum Apostel, zur Kirchenlehrerin. Gleichzeitig aber erkennt sie, dass alle diese Wünsche angesichts des Klosterlebens und angesichts ihrer eigenen Schwachheit unerfüllbar scheinen. Sie schlägt die Heilige Schrift auf und findet die Stelle, wo der Heilige Paulus schreibt: "Hätte ich aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts." Theresia entdeckt ihre Berufung:

 

"Ich erkannte, dass die Kirche ein Herz hat, und dass dieses Herz von Liebe brennt..... Ich begriff, dass die Liebe alle Berufungen in sich schließt .... Da rief ich im Übermaß meiner überschäumenden Freude: Oh Jesus, endlich habe ich meine Berufung gefunden, meine Berufung ist die Liebe! Ich habe meinen Platz in der Kirche gefunden, ...im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich Liebe sein ... so werde ich alles sein!!!"

 

Je mehr Theresia hineingenommen ist in das Feuer der Liebe Jesu, desto mehr ist ihr Leben geprägt von Leiden und Finsternis. Erst nach ihrem Tod erfahren die Mitschwestern, dass Theresia beinahe ständig in dem Gefühl völliger Gottverlassenheit gelebt hatte:

 

"Jesus ließ mich begreifen, dass es wirklich Seelen ohne Glauben und Hoffnung gibt. Ich möchte ausdrucken, was ich empfinde, doch das ist unmöglich! Man muss selbst durch diesen Tunnel gegangen sein, um dessen Finsternis zu begreifen."

 

In dieser Nacht des Glaubens liefert sich Theresia völlig dem Willen Gottes aus. Sie spürt, dass der Mensch aus eigener Kraft nichts vermag. Doch auch in totaler Finsternis hält sie an ihrer Berufung fest: Im Herzen der Kirche Liebe zu sein:

 

"Es war immer mein Wunsch, heilig zu werden. Doch wenn ich mich mit den Heiligen verglich, dann stellte ich immer fest, dass zwischen mir und ihnen der gleiche Unterschied besteht wie wir ihn in der Natur zwischen einem Berge und den am Wege liegenden Sandkörnchen haben."

 

Theresia jedoch weiß: Gott schenkt keine unerfüllbaren Wünsche! So gibt sie nicht auf :

 

"Ich will nach einem Mittel suchen, auf einem kleinen, ganz geraden Weg, einem ganz kurzen, einem kleinen, ganz neuem Weg in der Himmel zu kommen."

 

Im Jahrhundert der Erfindungen hat Theresia das Bild des Aufzugs vor Augen: Der Aufzug ersetzt das Treppensteigen. So muss es auch eine Erfindung geben, die den Menschen ohne eigene Anstrengungen direkt in den Himmel bringt. Die Antwort findet Theresia wiederum in der Heiligen Schrift, diesmal im Buch der Sprichwörter. Dort heißt es: "Wenn jemand ganz klein ist, dann komme er zu mir!" (Spr 9,4)

 

"Der Aufzug, der mich zum Himmel erheben muss, das sind deine Arme, oh Jesus! Deshalb brauche ich nicht zu wachsen, im Gegenteil, ich muss klein bleiben, ich muss es immer mehr werden."

 

Der Weg der geistlichen Kindschaft, den Theresia entdeckt, ist für zahllose Christen maßgeblich geworden. Er steht im Zentrum der Botschaft unserer neuen Kirchenlehrerin. Papst Pius X. nannte sie "die größte Heilige der modernen Zeit."

 

"Vor Gott ein kleines Kind bleiben, besteht darin, dass man sein Nichts anerkennt und alles von ihm erwartet. es ist wahr, der Herr erwählt die Kleinen, um die Großen dieser Welt zu beschämen. Ich stütze mich nicht auf meine eigenen Kräfte, sondern auf die Kraft dessen, der am Kreuz die Mächte der Hölle besiegte."

 

In den letzten Monaten ihres Lebens erfährt Theresia immer deutlicher ihr eigenes Kleinsein, ihr eigenes "Nichts": Sie durchlebt eine totale Gottverlassenheit ohne jeden spürbaren Trost. Sie fühlt sich den Gottesleugnern und Atheisten erschreckend nahe. Eine Lungentuberkulose führt nach qualvollen Wochen schließlich zum Erstickungstod. Theresia stirbt mit den Worten:

 

"Ich bereue es nicht, mich der Liebe ausgeliefert zu haben. Oh nein, ich bereue es nicht, im Gegenteil!"

 

Im Augenblick ihres Todes beobachten ihre Mitschwestern einen Ausdruck unvorstellbarer Freude auf dem Gesicht Theresias. Der Blick der Sterbenden bleibt auf die Statue der Muttergottes gerichtet, die sie so sehr geliebt hatte. Alle Anwesenden spüren, dass in diesem Moment eine große Heilige für den Himmel geboren wurde. Theresia selbst hatte es kurz vor ihrem Tod enthüllt:

 

"Ich sterbe nicht. Ich gehe ein ins Leben."