
Nostalgie oder Avantgarde?
Warum die „Alte Messe“ keine alte Messe ist und das Motu Proprio des Papstes
zu deren Wiedereinführung ein letzter Rettungsversuch war, das christliche Kultmysterium
vor dem völligen Untergang zu bewahren
von Pfarrer Dr. Guido Rodheudt
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Es mag die Machtübernahme der Krämerseelen in der Kirche sein, die Schuld daran
ist, daß sie den einzigen Ort, an dem der Mensch in Reinheit seine Ideale findet und
sich sogar mit ihnen unterhalten kann - ihren Kultraum -, ausgemistet hat wie den
Stall des Augias. Und dabei in den Worten, Klängen und Formen - den Schatzkammern
des Kultes - die Heiligkeit unter dem Mantel der Reform herausgekehrt hat wie
Herakles den Mist der dreitausend Rinder. Die Kirche hat zugelassen, daß das Praktische
wichtiger werden konnte als das Heilige und aus der „heiligen“ Messe eine
„alte“ Messe wurde. Die „alte Messe“ aber ist nötig zur Gesundung der Kirche, sie ist
keine Spielwiese für „Nostalgiker“, schreibt der Autor dieser Disputa, einem Plädoyer
für die Meßfeier nach dem Papst Benedikt zugelassenen außerordentlichen Ritus.
Und es ist ein Plädoyer für eine Avantgarde, die die „alte Messe“ wieder auf den
Leuchter stellt.
In letzter Zeit hat sich in der Szene traditionsverbundener Menschen ein Begriff eingebürgert,
der den Unbedarften fatal an die Fans von Captain Kirk und seiner Mannschaft
erinnert. Denn ähnlich, wie sich die Liebhaber des Raumschiff Enterprise als
„Trekkis“ bezeichnen, so geben sich die Anhänger der so genannten „Alten Messe“
gerne selbst den Namen „Tradis“ und werden dadurch – gewollt oder ungewolltzum
Fanclub. Sie ordnen den Traditionsverbundenen in einen bestimmten Karton
ein. Es ist der Karton, in dem sich seit einiger Zeit Dinge wie Schallplattenspieler,
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Kittelschürzen, Max-Rabe-CDs, Telefonapparate mit Wählscheibe und Handkaffeemühlen
befinden. Auf ihm steht geschrieben „Gute Alte Zeit“ oder „Nostalgie“.
Aber was ist Nostalgie, die einen Menschen dazu führt, Dinge zu kaufen, die der allgemeine
Fortschritt längst entsorgt hat, weil sie von andern – zeitgemäßeren und
funktionableren – abgelöst wurden? Wieso sehnen sich Menschen nach Unpraktischem,
während sie doch von Praktischem umgeben sind. Wo liegt der Reiz der
Dampflok oder des Kaminofens gegenüber dem ICE oder der Zentralheizung?
Denn es gibt ja kein Zurück. Die Zeit ist über die Dinge und die Lebensart hinweg
geschritten. Und das Bedürfnis nach dem „Guten Alten“, das ja zum Zeitpunkt seiner
Ablösung keineswegs das „gute“ Alte war, sondern das Überholte und Ausgediente,
entsteht immer mit einem gewissen zeitlichen Abstand zu der Zeit, in der die
Dinge waren. In dem Zeittunnel, der sie mit ihrer Wiederkehr in der Gegenwart verbindet,
verpuppen sie sich in einen Kokon der Verklärung. Die Songs von Max Rabe
erinnern nicht an die schlechte Zeit der Weltwirtschaftskrise zwischen den Weltkriegen,
in denen sie entstanden sind, oder gar an die Bombennächte der vierziger Jahre,
sondern lassen die glamourösen Ballnächte im Hotel Adlon in Berlin oder an die
Mode der Goldenen Zwanziger vor dem geistigen Auge erscheinen, in denen Männer
Herren und Frauen Damen waren. Und mit der Kittelschürze assoziiert man
nicht in erster Linie ein diskriminierendes Hausfrauenimage, sondern die Zeit, in der
es noch keine Patchwork-Familien gab. Etwas, das heute selten geworden ist und
nach dem man sich sehnt.
Daher gründet die Nostalgie in der Erfahrung, daß der Fortschritt auch Verluste riskiert
und etwas einmottet, das wichtig war. Leider ist es verschollen. Man kann es
nicht mehr in seinem ursprünglichen Zusammenhang erleben. Es bleibt ein Zitat aus
einer vergangenen Zeit. Man kann von ihr träumen. Man kann sich in seiner Phantasie
in das Haus der Großmutter oder in den Ballsaal des Wintergarten-Varieté wünschen.
Aber man würde aus dem Haus der Großmutter flugs wieder ausziehen,
wenn man es real bewohnen sollte, weil es darin keine Dusche und keinen Internetanschluß
gibt.
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Die Rückholversuche des Nostalgikers schmelzen wie Schnee in der Sonne, wenn die
Gegenwartswirklichkeit sie einholt und klarstellt, daß es keinesfalls wünschenswert
ist, in der verträumt verklärten Zeit wirklich zu leben.
Der Nostalgiker ist das reine Gegenteil von einem Traditionalisten, weil er den Formen
der Vergangenheit in seiner nichternsthaften Sehnsucht die Überlebensfähigkeit
in der Gegenwart raubt. Sich selbst macht er darüber hinaus zu einem passiv zuschauenden
Zaungast der Geschichte, dem die Nostalgie hilft, zu erfahren, wo er
herkommt, aber niemals verrät, wo es mit ihm hingeht.
In ihrer Wirkungslosigkeit ist die Nostalgie politisch korrekt. Sie belästigt die Allgemeinheit
nicht mit objektivierenden Forderungen.
Ganz im Gegenteil der Traditionalismus. Er will den Formen der Vergangenheit eine
Gegenwartsbedeutung zurückschenken. Deswegen wirkt er gefährlich und manchmal
auch aggressiv. Man traut ihm nicht, weil er der Gegenwart mißtraut, daß in ihr
in jedem Fall alles gut und bewahrenswert ist. Gerade deswegen ist der Traditionalismus
nicht konservativ, sondern reaktionär. Ja mehr noch: Er ist Avantgarde. Er
löst den Anspruch, nach vorne zu gehen, durch die Schau auf das Überkommene
und Bewahrenswerte ein, was im Zeitalter einer zukunftsbeflissenen Herkunftsverkennung
nicht unwidersprochen hingenommen werden kann.
Was Hugo Ball und die Dadaisten der 1920er Jahre waren, das ist heute der Verfechter
der Alten Liturgie in der katholischen Kirche, der sie nicht nostalgisch verehrt,
sondern sie in aufsässiger Unmodernität restaurieren will. Für die einen skurril, für
die anderen etwas Entartetes – eben das, was die Avantgarde für das Bürgertum ist.
Etwas Kühnes und Wagemutiges
Nach ihrer Herkunft aus dem militärischen Vokabular (frz. „Vorhut“) ist Avantgarde
etwas Kühnes und Wagemutiges. Die Avantgarde hat eine Vision, sie ist nicht bürgerlich
und sitzt nicht im Sessel. Sie hängt sich aus dem Fenster und verfolgt ein Ide-
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al. Es muß nicht unbedingt das Ideal des Fortschritts sein. Aber es ist auch nicht zu
leugnen, daß die Avantgarde, da wo sie im politischen oder künstlerischen Gewand
auftritt, fortschrittlich sein will. Sie will eine Vorreiterrolle haben und mag keine
Stagnation in bestehenden Verhältnissen, sofern diese Verhältnisse dazu angetan
sind, dem Ideal nicht nahe treten zu können.
Die Avantgarde hat zwei blutsverwandten Erzfeinde: die Mode und den Trend.
Denn Mode, sagt Chesterton, ist ein „Ideal, das nicht zufrieden stellt. Die letzte Mode
ist stets eine Revolte gegen die vorletzte; wahrscheinlich die Wiederherstellung der
vorvorletzten. Das Neue revoltiert gegen das weniger Neue, aber kaum jemals gegen
das wirklich Alte. „Die Tochter entsetzt die Mutter, indem sie sich wie ihre Großmutter
kleidet.“
Die Avantgarde möchte das Ideale. Sie will es nicht hervorbringen, aber in seine Nähe
kommen. Daher verachtet sie alles, was dabei aufhält: die bürgerliche Bequemlichkeit,
den trägen Trott fertiger Antworten, den Mainstream, der alles in sinnloser
Flut fortreißt, den Pluralismus, der sich in der goldenen Regel sonnt, daß es keine
goldene Regel gibt (George Bernard Shaw), und daher jeden Führungsanspruch ablehnt.
Aber gerade das will sie ja, die Avantgarde. In der Kunst, in der Literatur, in der Politik
frech und kühn behaupten, es gäbe etwas, das weder aus den alten Sesseln noch
aus den neuen Märkten stammt, das weder alt noch neu, sondern gültig ist.
Keine spirituelle Wohlfühlstunde
Deswegen ist sie auch sperrig und paßt in die meisten Schädel nicht hinein.
Um die Tragödie der pubertierenden Phase der Kirchengeschichte im zwanzigsten
Jahrhundert recht erfassen zu können, ist es nötig, sich an die Wurzel des christlichen
Kultmysteriums zu begeben, dahin, wo es noch unstrittig war, daß es einen Gott gibt,
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dem man Anbetung zu zollen hat. Als das Opfer noch der gängige Ausdruck für die
Huldigung des Geschöpfes war.
Denn es gehört zur Entwicklung der Kirche, daß sie sich stets als eine opfernde Gemeinschaft
verstand, die sich – schon in den Tagen der Apostel – um den im Mysterium
gegenwärtigen Herrn versammelte. Nicht um sich selbst darin zu finden. Allenfalls
um darin „Leib Christi“ zu werden, wie es der heilige Augustinus fordert. Eine
Kommunion der besonderen Art, ein Akt der Hingabe, in dem der Sich-Hingebende
selbst gründet.
Der christliche Kult ist schon an seinen Anfängen niemals nur eine äußere Sache. Er
zielt nicht auf einen Zweck und möchte auch nicht verzweckt werden. Er ist ein Geschehen,
das ganz und gar für sich steht – und das heißt: für Gott. Er ist der Handelnde,
der Sich-Schenkende, der den Teilnehmer nicht bloß auf die Zuschauerbühne
oder auf die Ränge des Hörsaals ruft, damit Er ihm etwas mitteilt. Er möchte sich
selbst geben. Aber nicht gratis und ohne Gegenleistung. Er verlangt alles, von denen,
die Ihn suchen. Er verlangt die ganze Hingabe von denen, die in Seine Nähe kommen.
Sie sollen sich in Ehrfurcht, Lobpreis, Dank und Bitte - und insbesondere abgewaschen
von ihren Sünden - dem Heiligen nahen. Und zwar weil es heilig ist und
das heißt: von Gott stammend.
Es entwickelt sich ein arcanum, der wenn auch strikt öffentliche, so doch nicht für
jedermann - mir nichts, Dir nichts - zugängliche Kult. Der Leib und das Blut Christi,
die der Welt das Heil schenken, sollten keine Einmaligkeit für die dramatische Stunde
von Golgatha bleiben. Das Blut sollte auf mystische, aber deswegen nicht weniger
reale Weise durch die Zeit fließen. Dieses Opfer, dargebracht von der Kirche durch
die Hand ihrer Diener, ist das Zentrum des ganzen christlichen Lebens. Der Kreuzestod
Christi und Seine glorreiche Auferstehung werden ein für den Einzelnen nachvollziehbares
Geschehen. Jeder darf sich unter das Kreuz und vor den Eingang des
Grabes stellen. Die Liturgie des Christentums gewinnt einen neuen Charakter. Sie
überbietet alles bis dahin Dagewesene: den Tempelkult zu Jerusalem und auch die
heidnischen Kulte und Mysterien. Sie holt den allmächtigen, zeitlosen, ewigen Gott
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in den Raum und die Zeit. Und schenkt dem Menschen, der sich mit in diesem Raum
befindet, Anteil an Seinem göttlichen Leben.
Mehr als bloß Begegnung ist dieses Zusammentreffen. Es ist Communio, Vereinigung
mit Gott, die dort geschieht. Man trifft sich nicht, um des Religionsstifters zu gedenken,
sich an ihn und seine Taten zu erinnern, in seinen Worten zu schwelgen oder
sich gegenseitig zu bestätigen, daß man mit ihm auf dem richtigen Weg ist. Es ist die
verborgenen Anwesenheit Seiner selbst, die den Menschen formt, begnadet und ihm
Kraft schenkt, in der Welt der Schatten zu leben.
Nicht umsonst bezeichnet man die Eucharistie auch später als „Meßopfer“, weil darin
anklingt, daß die Messe mehr ist als Unterricht oder eine spirituelle Wohlfühlstunde.
Sie ist das Erlösungsgeschehen von Golgatha auf dem Altar. Von ihm trennt
die Teilnehmenden nur ein winziger Schritt. Lediglich die Augen können nicht sehen,
was hier auf dem Altar geschieht. Aber es geschieht dennoch real, nicht bloß
symbolisch. Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, schenkt sich hin und damit
alles, was möglich ist zu schenken.
Die körperliche Ausrichtung der Zelebration ist dabei – naturnotwendig – der Osten
und das Kreuz. Niemals die Gemeinde. Denn es gilt sich gemeinsam dem Heiligen
zuzuwenden. Es geht um die Kommunikation des Menschen mit Gott, und die ist
von ihrem Wesen her nicht gleichberechtigter Dialog, sondern geschuldete Anbetung,
religio. Nur hier ist in der Alten Welt Dramaturgie erlaubt!
Eine weitere Dimension ist von Anfang an wesentlich und unverzichtbar: die Musik.
Sie verschönert nicht den Gottesdienst, sie verklanglicht ihn. Noch heute ist eine byzantinische
Liturgie ohne Gesang undenkbar. Es gibt in den orientalischen Riten keine
„Stille Messe“, weil zur Liturgie das gesungene Wort gehört. Die menschliche
Stimme soll in ihrer Singfähigkeit genutzt werden, um die Schönheit und Einheit
Gottes abzubilden.
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Die musica sacra ist nichts Hübsches. Sie ist schön und sie trägt – aus sich – dazu bei,
daß die Anwesenheit des Verborgenen eine körperliche Dimension gewinnt. Sie
führt nicht nur den Menschen pädagogisch in die Nähe Gottes. Sie läßt eine Saite der
anwesenden Gottheit in Raum und Zeit klingen.
Erstes Zeichen des liturgischen Verfalls ist daher durch die Jahrhunderte, daß die
Musik zum Dekorationsgegenstand verkommt.
Anbetung und nicht Machen
Mit dieser Grundausstattung schreitet die liturgische Entwicklung in die Zeit. Sie
entfaltet in den Formen der Inkulturation den Kern des Ursprünglichen auf unterschiedliche
Weise in Ost und West. In einem herrscht jedoch kristallene Klarheit und
Übereinstimmung beider Hemisphären der Christenheit, darüber, was die Liturgie
ist und was sie nicht ist: sie ist Opus Dei und nicht Menschenwerk. Sie ist Anbetung
und nicht Machen. Sie ist feierlich und nicht alltäglich. Sie ist schön und nicht banal.
Ihre Ausstattung ist aufwendig und nicht praktisch. Sie klingt und scheppert nicht.
Sie singt und quatscht nicht. Sie jubelt und ist daher unverständlich. Sie schaut in
erster Linie nach vorne auf Christus und nicht auf den Rücken des Priesters – und
noch viel weniger in sein Gesicht. Sie ist zweckfrei und nicht thematisch. Sie bemüht
sich im bildenden Bereich der Kunst wie in der Musik um ikonographische Zeitlosigkeit
und nicht um Unterhaltung. Sie wirft alles, was schön und gut ist, in die Schale
und nicht bloß ein paar Anständigkeiten. Sie ist ein Mysterium und nicht Erläuterung.
Sie ist Sakrament und nicht Symbol. In ihr wird gehandelt und nicht bloß gedacht.
Sie will weniger dienen, als bedient werden. Sie wird in ausgesonderten Räumen
gefeiert, die an Paläste erinnern und nicht an Hörsäle oder Sparkassen – und
selbst wenn es die Armut der Umstände erfordert, sind ihre Kirchen niemals praktisch,
sondern würdig eingerichtet. Sie ist prunkvoll und majestätisch und nicht bürgerlich.
Ihr ist nichts zuviel und nichts gut genug. Denn sie weiß, daß sie der Vorhang
ist, hinter dem der Lebendige Gott in der Zeit wirkt, solange bis dieser Vorhang
beiseite geschoben wird und wir eintreten dürfen in die himmlische Liturgie der Engel
und Heiligen.
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Strategische Rettungsversuche
Diese Sicht verbindet die Liturgie von Byzanz und von Rom über Jahrhunderte.
Denn – unabhängig von den Unterschieden in den äußeren Formen – in einem laufen
die Linien bis in das zwanzigste Jahrhundert zusammen: da wo das christliche Kultmysterium
als latreúein – als selbstloses, zweckfreies Dienen im Angesicht der Gottheit
verstanden wird.
Die Versuche der Reformation, damit Schluß zum machen zu Gunsten von frommen
bis akademischen Bildungsveranstaltungen in nüchternen Kirchen, spalten am Ende
die Christenheit und verlassen endgültig den Bereich des Kultischen. Der reformierte
Christ soll singen, spielen, beten, denken, predigen, sich erinnern, um dadurch
fromm zu werden oder fromm zu bleiben. Die alte Vorstellung der Väter, dass
„Christus in der Kirche singt“ (Ambrosius), hat ausgedient. Dort, wo der Kult in der
Reformation an sein Ende kommt, hört die Kirche über Nacht auf zu existieren.
Das Konzil von Trient wird zwischen 1545 und 1563 eine Antwort auf diese Entwicklung
geben. Und zwar unter anderem eine liturgische. Es erfindet dabei nichts Neues.
Aber es katalogisiert und ordnet die liturgischen Schatzkammern neu, um sie unangreifbar
zu machen gegen die Wirren der Zeit.
Wie bei vielen Notstandsmaßnahmen geht dies auch nicht ohne Verluste ab. Die sogenannte
„Messe des Konzils von Trient“ hat den herben Charakter einer rubrikalen
Form an sich, die vieles aus dem Formenreichtum der Alten Kirche hinter sich läßt
oder diesen Formenreichtum in eine instant-artige Trockenheit eindampfen läßt. Der
Altar wird zum regulären Ort des liturgischen Geschehens und seine beiden Außenseiten
stutzen die alten Prozessionswege zu ein paar rudimentären Körper-
Drehungen des Priesters. Oder der einst konstitutive feierliche Gesang wird zum fakultativen
Feierlichkeitselement, das dem bereits vom Priester gebeteten Sprechtext
hinzugefügt wird und damit seine alte Rolle des integralen Bestandteils im liturgischen
Geschehen verliert.
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Alles in allem sind es aber keine Neuschöpfungen oder wesentlichen Veränderungen,
die aus dem Tridentinischen Konzil die „Tridentinische Messe“ hervorgehen
lassen. Es sind notwendige strategische Rettungsversuche, die dazu angetan waren,
das Glaubensgut und die Liturgie gegen die Anwürfe des Zeitgeistes zu retten.
Das Konzil von Trient – so stellen wir fest – war zwar bemerkenswert wichtig, hat
aber in diesem Zusammenhang nichts wirklich Neues erfunden – schon einmal gar
keine – für die damaligen Verhältnisse – „neue“ tridentinische Messe.
Insofern entspricht es nicht den Tatsachen, wenn in der gegenwärtigen Diskussion
ständig suggeriert wird, es gehe beim Motu Proprio „Summorum Pontificum“ Papst
Benedikts XVI. vom 7. Juli 2007 um die Wiederherstellung einer Liturgie aus dem
sechzehnten Jahrhundert. Denn es handelt sich im Wesentlichen um die Liturgie des
ersten Jahrtausends, um die Liturgie des heiligen Papstes Gregors des Großen, um
jene „alte“ Liturgie, die uns in ihrem Kern – zum Beispiel im römischen Meßkanon -
sogar bis in die Verfolgungszeit des dritten Jahrhunderts zurückführt.
Hinter das Konzil zurück?
Es geht bei der erstaunlichen Publikation des Papstes um etwas völlig anderes: es
geht um die Wiederherstellung des christlichen Kultmysteriums, das zwischenzeitlich
verloren gegangen war. Es geht um die Liturgie der Kirche insgesamt und nicht
um eine bestimmte zeitgebundene Form. Es geht um das, was über das Sein und
Nichtsein von Liturgie entscheidet und das – offensichtlich – bereits unter dem Geröll
der zeitgeistlichen Abraumhalden des zwanzigsten Jahrhunderts begraben zu
werden gedroht hatte.
Aber hatte nicht das Zweite Vatikanische Konzil den Anspruch erhoben, so vieles
Alte wiederherzustellen und gerade mit den zweifelsfreien Unstimmigkeiten, Verkrustungen
und Überlagerungen in der Liturgie aufzuräumen? Wozu muß der Papst
jetzt „hinter das Konzil zurück“, wie es heißt?
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Die Antwort ist einfach: Es sind weder die akademischen Diskussionen unter Liturgiewissenschaftlern,
noch die nostalgischen Bedürfnisse ästhetisch geprägter Menschen
daran schuld, daß es ein Motu proprio gab. Es ist schlichtweg die Tatsache,
daß die sogenannte liturgische Erneuerung in der Kirche durch Abnutzung demaskiert
ist. Ihr ist die Schminke längst von den Wangen gelaufen.
Denn das, was nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil aus der Liturgie gemacht
wurde, ist ja weniger eine Erneuerung oder Neugestaltung. Es ist vielmehr das Aufparadieren
eines liturgischen Gemischtwarenladens, in den man unverbunden und
oft geradezu wahllos die Versatzstücke der Vergangenheit neben neue Ideen gestellt
hat. Umzusetzen von Priestern, die nicht mehr am Rollator der Rubriken spazieren
gehen können, sondern sich die choreographischen Muster ihres liturgischen Auftretens
selbst überlegen müssen – ein einigermaßen schwieriges Unterfangen für Männer
in einer Zeit, in der so gut wie alle profanen Manieren getötet sind.
Hinzu kommen die Folgen kontraproduktiver Einfälle, die in ihrem Kern das Wesen
der Liturgie nicht erneuern, sondern beerdigen halfen: der faktische Verlust der
Gottbezogenen Zelebrationsrichtung, die Handkommunion und das Aussterben der
Kultsprache, die einen unvergleichlichen Einheits- und Identitätsverlust der ältesten
globalen Organisation der Welt riskiert hat.
Wo der Hund begraben ist
In diesen alltäglichen Phänomenen – es gibt fast ausschließlich Volksaltäre, fast ausnahmslos
die Handkommunion und nirgends mehr ein Wort Latein – liegt der Hund
der Krise begraben. Es geht weniger um die akademische Hüstelei im Hinblick auf
liturgiehistorische Fragen oder archäologische Befunde, auch nicht um das unreflektierte
Festhalten an tridentinischen Schrumpfformen. Es geht um die Frage, ob der
Kult der Kirche in seiner Praxis noch wirklich heilig ist und mit dem Lieben Gott
noch etwas zu tun hat. Und das heißt mit anderen Worten: Es stellt sich die bange bis
tabuisierte Frage, inwieweit der Kult der Kirche überhaupt noch existiert.
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Man darf dem Papst wohl zugute halten, daß er vieles von dem Gesagten im Hinterkopf
hatte, als er sich entschied, „aus eigenem Antrieb“ „Summorum Pontificum“ zu
schreiben. Sein Schreiben ist keineswegs als Bonbon für die Nostalgiker zu verstehen,
sondern vielmehr als letzter Rettungsversuch, das christliche Kultmysterium vor
dem völligen Untergang zu bewahren. Und so wie es sich natürlich versteht, daß der
päpstliche Text diese Intention eher diplomatisch verschweigt, so lassen die Schriften
des Kardinals Ratzinger aus den vergangenen 25 Jahren mehr als tief darauf blicken,
was sein eigentliches Anliegen ist: Denn es geht ihm nicht um die Beruhigung einer
kirchenpolitischen Ranküne zwischen Linken und Rechten, Tradis und Sponties,
Nostalgikern und Modernen. Es geht ihm offensichtlich um die Zukunft – um die
Zukunft der Kirche und des in ihr fortlebenden und im Kult anwesenden Christus!
Der Papst ist schließlich über Jahre selbst einer jener verdeckten Fahnder gewesen,
die die unheilvollen Schwächen der „Neuen Messe“ gnadenlos enttarnten. Wir haben
schon früher von ihm lernen dürfen, daß die Gefahr der Verdunstung Gottes in
den läppischen, bürgerlichen Formen der gegenwärtigen Gottesdienstlandschaft besteht.
Es ist Gott, der sich nicht mehr finden läßt, wenn Zelebranten in ihr Publikum grinsen.
Es ist Gott, der sich nicht mehr als Geheimnis und erhabener König in die Herzen
der Kinder einwurzeln kann, wenn man sie um den Altar schart, wie man zuhause
am heimischen Herd der Mama beim Kuchen- oder Plätzchenbacken zuschaut.
Es ist das Heilige und ganz Andere, das Gott ist, auf das niemand mehr stoßen kann,
wenn er in der Meßfeier seinen Alltag mit praktischen Tipps aufbereitet bekommt.
Es ist die wirkliche Präsenz des Höchsten im Sakrament des Altares, die nicht mehr
geglaubt werden kann, wenn der Leib des Herrn auf eine Weise in die Hand gedrückt
wird, die jeder rheinische Karnevalsorden sich verbitten würde.
Es ist der Verlust des gerade für unsere Zeit der Durchschaubarkeiten und des gläsernen
Menschen so wichtigen Raumes des Geheimnisses, wenn die letzten Reservate
des Numinosen durch die fast völlige Abschaffung einer kultischen Sprache ausgeräuchert
worden sind. Es ist das Bewußtsein der Zeitlosigkeit, das getilgt wird,
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wenn es nicht einen hörbaren Zeitbogen wie den Gregorianischen Choral gibt, der
den Menschen in die Welt Gottes eintaucht und nicht in ein bestimmtes Jahrhundert.
Es ist Gott, der verloren geht, wenn nicht bald die Heiligkeit und Schönheit des Kultes
den Platz zurückerhalten, den sie beanspruchen müssen, um der Kirche Atem
statt Abluft zu schenken. Hier soll die „Alte Messe“ die Pädagogin sein, das zu bewerkstelligen,
was Benedikt XVI. mit dem Begriff der „Reform der Reform“ gemeint
hat: die (Wieder)- Herstellung eines einheitlichen Ritus, der so stark ist, daß ihm kein
Zelebrant und kein Liturgiekreismitglied die Heiligkeit mehr nehmen kann.
Das Bemühen um die „Alte Messe“ entspringt weder einem rein historischen oder
ästhetischen Interesse, noch geht es um Kirchenpolitik oder Machtspiele. Und ebenso
wenig um eine Konzession an den Zeitgeist der Gegenwart, der ja schon seit geraumer
Zeit durchaus auf einem Trend zur Musealisierung und zur Nostalgie surft.
Es geht um den unaufgeregten und jenseits allen Dünkels geführten Kampf für das,
was weder alt, noch neu, sondern immer gültig ist. Ein klassisches Anliegen der
Avantgarde, die sich nicht einordnen läßt in die Klischees psychologischer Erklärungen,
weshalb heute so etwas wie Traditionalismus en vogue ist, sondern selbstbewußt
darauf beharrt zu wissen, was richtig ist, die sich nicht mit Reservatsbedingungen
zufrieden stellt, die den Gläubigen Formulare zur Genehmigung ihres Anliegens
unterschieben, auf denen sie ihren Wunsch auf eine Weise nach einer klassischen
Liturgie bekunden müssen, die fatal an die Antragstellung auf Harz IV erinnert.
Die bürgerlichen Latrinen
Es wird also die „Avantgarde der Tradition“ (Martin Mosebach) sein, die allein helfen
kann, den Kult der Kirche zu retten. Die „Tradi-Nostalgie“ im Umgang mit den
alten Formen wird dies nicht vermögen. Sie sammelt das Vergangene in Kartons. Es
geht aber nicht ums Aufsammeln, es geht ums Wiederherstellen! Um ein Wiederherstellen
des Heiligen. Damit die Latreua, die zweckfreie Anbetung im Kult, nicht in
den bürgerlichen Latrinen der Gegenwart hinuntergespült wird.
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Schon jetzt zeichnet sich ab, daß sich eine Kirche als ganze überflüssig macht, die den
Menschen Konstrukte zum Verbleib anbietet. So wie es die zeitgenössische Architektur
macht, wenn sie die Menschen in Gebäude einquartiert, die nicht gewachsen – ja
nicht einmal gebaut –, sondern strategisch und ohne Tradition hochgezogen sind.
Der Mensch sehnt sich jedoch nach Gewachsenem, nach dem, was sich sedimentartig
aufgeschichtet hat, damit daraus eine bergende Behausung wird. Es ist die ganze
Frage daher nebenbei auch eine Frage der wahren Humanität, wenn die Göttlichkeit
Gottes zur Rede steht, die niemals ein Phänomen der Nostalgie ist.
Die „Alte Messe“ ist eben keine alte Messe, so etwas wie unser „Alter Kaiser Wilhelm“,
der mit Pickelhaube über dem Gründerzeitsofa der Nostalgiker hängt und
aus einer verschollenen Zeit auf Laptops und MP-3-Player herabschaut. Die „Alte
Messe“ ist nötig zur Gesundung der Kirche. Allein, sie braucht eine Avantgarde, die
sie auf den Leuchter zurückstellt.
Sie ist die Messe von morgen, weil es ohne sie kein Morgen geben wird ■
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