...steht hier stellvertretend für die zahllosen Erscheinungsorte, Seher und "Botschaften", die heutzutage insbesondere über das Internet verbreitet werden.
Weil in der offiziellen kirchlichen Verkündigung ganze Bereiche unseres Glaubens verschwiegen werden (z.B. die Frage nach Himmel, Hölle, Fegefeuer, die Notwendigkeit von Beichte, Buße und Fasten, die Frage nach der Wiedekunft Christi etc.), verwundert es nicht, dass viele Gläubige Zuflucht zu diesen Botschaften nehmen.
Dabei ist jedoch zu bedenken:
- Die Gläubigen sind nicht einmal verpflichtet, an kirchlich anerkannte Erscheinungen (Lourdes, Fatima) zu glauben. Wenn zahlreiche Päpste aber z.B. Orte wie Lourdes und Fatima besucht haben und die dortigen Botschaften Mariens immer wieder in ihre Verkündigung aufgenommen haben, fragt man sich, warum die Gläubigen sich nicht an diese Orte halten, anstatt unsicheren und nicht anerkannten Botschaften anzuhängen.
- Gerade weil Privatoffenbarungen aus katholischer Sicht eine untergeordnete Stellung einnehmen, stimmt es nachdenklich, wenn der Glaube an einen (oftmals nicht einmal kirchlich anerkannten) Erscheinungsort in gewissen Kreisen zum Kriterium der Rechtgläubigkeit erklärt wird. Dies entspricht nicht katholischer Überzeugung.
- Ein beliebter Trick von Urhebern nicht anerkannter Botschaften ist der Hinweis, Maria hätte selbst gesagt: NN. (der neue "Erscheinungsort") sei die Fortsetzung (manchmal sogar: Vollendung) von Lourdes, Fatima oder La Salette. Diese nicht nachzuprüfende Behauptung ist mit Vorsicht zu genießen, zumal es bei den anerkannten Marienerscheinungen keine Parallele zu solch einer Behauptung gibt.
- Wer sich als Priester ein wenig mit übernatürlichen Phänomenen auskennt (Visionen, Einsprechungen, Prophetien etc.), weiß, dass Gläubige, die vom Herrn mit diesem Charisma ausgestattet sind, stets darauf bedacht sind, diese Phänomene nach Möglichkeit zu verbergen und - wenn überhaupt - nur nach Rücksprache mit dem Seelenführer auszuüben. Niemand der mir bekannten Personen tritt damit ungefragt auf Kongressen auf oder schreibt Bücher darüber. Deswegen ist eine wichtige Frage bei "Sehern", "Heilern" und "Visionären", ob ihr Bischof bzw. ihr Seelenführer damit einverstanden ist, dass sie an die Öffentlichkeit gehen.
- Besonders schwierig ist es, wenn kirchliche Gruppen "Wallfahrten" zu nicht anerkannten Erscheiungsorten durchführen oder Gespräche mit (selbsternannten) "Sehern" organisieren. Einwänden wird dann oft mit dem Hinweise begegnet, die Kirche werde irgendwann einmal mit der Anerkennung nachkommen, sie sei eben noch nicht so weit. Diese Argumentation wird aber auch von kirchenfeindlichen Gruppierungen aus dem linksliberalen Spektrum bemüht. Vorsicht ist also geboten.
- Niemand bestreitet, dass es auch an nicht anerkannten Erscheinungsorten zu echten Früchten (Umkehr, Sakramentenempfang etc.) kommen kann. Gerade der Heilige Maximilian Kolbe hat jedoch immer wieder auf die überragende Bedeutung des Gehorsams hingewiesen. Wer zu nicht anerkannten Erscheinungsorten pilgert oder sein Frömmigkeitsleben auf nicht anerkannte "Seher" bzw. "Botschaften" aufbaut, begibt sich in große Gefahr. Er sollte diese Praxis unbedingt mit seinem Beichtvater absprechen. Sollte dieser zustimmen, dann ist das eine Frage der ganz persönlichen Frömmigkeit. Auf keinen Fall sollte man andere Gläubige ungefragt mit privaten Glaubenserfahrungen bedrängen oder ungeprüft Materialien in Gebetskreisen etc. verteilen.
- Priester sollten an den Schriftenständen ihrer Kirchen kein Material auslegen, das keine kirchliche Anerkennung besitzt. Welches andere Kriterium könnte man anlegen, wenn Gläubige unkontrolliert Broschüren etc. auslegen, als die kirchliche Anerkennung?
Jolie (Landpfarrer)