Der „Aufruf zum Ungehorsam“ des Vorstands der „Pfarrer-Initiative“ macht ein tiefes Problem der Kirche in Österreich sichtbar: Längst wissen die Bischöfe, dass viele Priester praktischen Ungehorsam leben, dass viele ihr Zölibatsversprechen aufgegeben oder irgendwie verschlampt haben, dass viele sich um weltkirchliche und bischöfliche Vorgaben wenig scheren.
Das revolutionäre Potenzial des „Aufrufs zum Ungehorsam“ können sie aber nicht hinnehmen, ohne vor einer staunenden Öffentlichkeit die Zerstörung des katholischen Verständnisses von Kirche und Priesteramt zu gestatten. Es geht nicht darum, dass diesmal nicht nur – unter der Chiffre „Rom“ – der Nachfolger Petri angegriffen wird, sondern auch die Bischöfe der „Untätigkeit“ geziehen werden.
Es geht darum, dass Priester den Ungehorsam nicht zur Tugend erklären können, ohne das Gefüge der Kirche in Frage zu stellen. Wie können Priester in Gemeinschaft mit dem Papst und ihrem Bischof die Eucharistie feiern, wenn sie sich zeitgleich unter Berufung auf ihr Gewissen gegen Papst und Bischof stellen?
Etwas wird hier bedenklich diminuiert: die Gemeinschaft mit Papst und Bischof – oder das Gewissen.
(Stephan Baier)
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