Interview mit der Kirchlichen Umschau März 2010

 

Hw. H. Dr. Guido Rodheudt (geb. 1964) ist Pfarrer einer aus drei Pfarreien fusionierten Großpfarrei im Bistum Aachen. Er ist einer der Sprecher des „Netzwerkes katholischer Priester". Im Jahr 1996 promovierte er zum Doktor der Philosophie mit einer Dissertation über Josef Pieper.

Pfarrer Dr. Rodheudt ist einer der schärfsten Kritiker des Konzepts einer „Kooperativen Pastoral", die überall in deutschen Diözesen zur Anwendung kommt. Die KU sprach mit dem beliebten Seelsorger über seine Erfahrungen, vor allem in seinem Heimatbistum Aachen.

 

Seelsorgekolchosen

Kooperative Pastoral oder katholische Seelsorge?

 

Kirchliche Umschau: Seit Januar ist in Ihrem Bistum eine neue Strukturreform in Kraft getreten, die das kirchliche Leben in einem Maße verändern wird, die für andere Diözesen in ähnlicher Weise folgen wird. Gehören Sie zu einer aussterbenden Berufsgattung im Bistum Aachen?

 

Pfarrer Dr. Guido Rodheudt:

Die Veränderungen sind in der Tat einschneidend. Der Priesterrat der Diözese Aachen spricht selbst vom massivsten strukturellen Einschnitt in unserem Bistum seit dem 2. Weltkrieg, wobei er im Rückblick den Prozeß als mühsam bewertet. Abgesehen davon geht es aber keineswegs nur um organisatorische Umstellungen. Es geht um eine grundsätzliche Veränderung dessen, was wir als Seelsorge bezeichnen. Gestatten Sie, daß ich ein wenig aushole, bevor ich Ihre Frage beantworte. Der Außenstehende muß nämlich aufpassen, daß er im Begriffsdschungel noch einigermaßen durchblickt. Denn man hat sich entschieden, klassische Begriffe wie „Pfarrei", „Pastoral", „Pfarrer" oder „Gemeindeleitung" mit neuen Inhalten zu füllen. Das hat es eine zeitlang so schwer gemacht, sich mit einer kritischen Wertung überhaupt bemerkbar zu machen, weil man immer wieder zu Antwort bekam: Wieso werden im neuen System Pfarrer und Pfarrei abgeschafft? Es gibt sie doch noch. Und in den diözesanen Dokumenten steht doch, daß der Pfarrer der Leiter der Seelsorge ist. Wieso also regen Sie sich auf? Heute, wo im Bistum Aachen der Prozeß als abgeschlossen betrachtet wird, kommen wir zu einer Bestandsaufnahme dessen, was wir bisher nur als Prognose formulieren konnten. Da sind also zunächst diese Bedeutungsverschiebungen klassischer Begriffe, die das Ergebnis der Strukturveränderungen sind. Sie haben zur Folge, daß sich das Verständnis von Seelsorge, ja mehr noch, daß sich das Gesicht des ganzen kirchlichen Lebens verändert. Und darin sind es besonders die Priester, die mit ihrem Amt auf den Prüfstand gestellt werden. Es läuft kurz gesagt folgendermaßen: zunächst trägt man gesellschaftlichen Veränderungen durch einen umfangreichen Paradigmenwechsel Rechnung. Das ist aber nicht nur eine Sache der Sprache, es geht letztlich um eine Verlagerung des Kirchenbildes. Es findet ein unausgesprochener Wechsel von einem sakramentalen Verständnis auf ein eher therapeutisches Verständnis statt. Kirche ist Wegbegleiterin in der Weise, daß sie sich solidarisch unter die Menschen mischt. Die Sakramente sind hier weniger Heilszeichen oder wirkmächtige und notwendige Handlungen, in denen eine Gottesbegegung geschieht oder gar das Heil der Menschen bewirkt wird. Sakramente sind mehr oder weniger sekundäre rituelle Bestätigungen einer schon durch den Glauben und das Wort Gottes bewirkten Zuwendung Gottes an die Menschen. In manchen Fällen nicht einmal mehr das, sondern allein eine Form Menschen zum Menschsein zu helfen in einem unbestimmten Sinn, ohne übernatürliche Bezüge, wie es die klassische katholischen Vorstellung von den Sakramenten sagt. Sie merken schon: wir sind im Fahrwasser der protestantischen Theologie. Aber das ist leider so: die katholische Kirche hat sich in den Niederungen des Pfarralltages, in Verkündigung und Liturgie in eine bedenkliche Nähe zum Protestantismus begeben. Da wundert es natürlich nicht, daß damit auch das Priestertum in Mitleidenschaft gezogen wird. Denn im Priester kommen die Wesenszüge des katholischen Kirchenverständnisses wie in einem Brennglas zusammen: der Priester ist derjenige, in dessen Handeln die Kirche nicht nur repräsentiert wird, sondern wirkmächtig ist. Wenn der Priester Christus bei der Heilige Messe repräsentiert und das Evangelium verkündet, wenn er die Pfarrei geistlich leitet und die ihm Anvertrauten anführt und dabei auch hier und da ermahnen und korrigieren muß, dann ist in ihm die Kirche gegenwärtig, dann handelt Christus an den Menschen durch den Priester. Und wenn Sie mich jetzt – nach diesem etwas langen Anlauf - nochmals fragen ob ich zu einer aussterbenden Berufsgattung im Bistum Aachen gehöre, dann muß ich ihnen leider antworten: Ja, und zwar nicht wegen der objektiv sinkenden Zahlen an Priesteramtskandidaten, sondern weil man sich entschieden hat, die genannten Aspekte des Priestertums gegen ein Funktionärsimage auszutauschen. Demzufolge rangiert der Priester auf einer anderen Ebene. Er wird demokratisch legitimiert. Seine Vollmachten der Verkündung, Heiligung und Leitung, die ihm in der Weihe zugesprochen werden, schmelzen zusammen auf einen Handlungsrahmen, der dem Priester in den Pastoralteams zugebilligt wird. Aus meinem Bistum sind mir zahlreiche Fälle bekannt, wo es Priestern bestritten wird, die Heilige Messe zu feiern, weil man sich in dem Gremien für Wortgottesdienste entschieden hat. Oder Priester im Ruhestand dürfen keine Taufen mehr spenden, weil es der lokale Planungsrahmen nicht haben will. Ganz in meiner Nähe hat mußte ein Ruhestandsgeistlicher bei guter Gesundheit zu Hause auf dem Schreibtisch zelebrieren – in Sichtweite zu der Kirche in der er jahrzehntelang als Pfarrer tätig war - weil er nicht mehr als Zelebrant einer öffentlichen Meßfeier gewünscht war mit der Begründung: man müsse sich schließlich auf die priesterlose Zeit vorbereiten. Der Grund liegt darin, daß die verantwortlichen Funktionäre vor Ort, jene „Berufskatholiken" sind, die kein Interesse an der sakramentalen Struktur der Kirche haben und deswegen den Priester demokratisch abschaffen. Wo es ihnen nicht so ohne weiteres gelingt, arbeiten sie per Mobbing. Wir haben uns bemüht, seitens des Netzwerks katholischer Priester hier bundesweit Fakten zu sammeln und zu dokumentieren, die belegen, daß sich die Realität vor Ort von den Theorien der Strukturveränderungen unterscheidet. Dabei ist das Bistum Aachen lediglich in beispielhafter Weise von uns zum Anlaß genommen worden, die Systematik der Veränderungen herauszustellen:

 

 Ich darf Ihre Leser auf eine wichtige Publikation hinweisen: Franz Breid, Hrsg., Glaubenskrise und Seelsorge. Wie geht es mit der Seelsorge weiter?, Christiana-Verlag, Stein am Rhein 2009.

 

Hier gibt es einen Beitrag der beiden Pfarrer Henrick Jolie und Uwe Winkel – und meiner Wenigkeit – mit dem Titel Zum Umbau der Seelsorgestrukturen im deutschen Sprachraum. Ebenso erschien dort ein Aufsatz von Dr. Peter C. Düren, Das Verschwinden von Pfarrer und Pfarrei. Die Gefahren pastoraler Umstrukturierungen am Beispiel des Bistums Aachen.

 

In den Grundzügen – da haben Sie Recht – gibt es die Problematik mehr oder weniger in allen deutschen Diözesen. Man darf eines nicht vergessen: daß die Sorge um die Priesternachwuchszahlen oder die Aufrechterhaltung der Seelsorge vor Ort die Strukturveränderungen nicht zwangsweise zur Folge haben müssen. Es gäbe sicherlich auch andere Ideen, um auf die Nöte der Gegenwart und den Mangel an Priestern zu reagieren. Aber man will andere Stimmen einer konstruktiven Kritik nicht hören. Als Kritiker wird man sofort zum Saboteur der Zukunft abgestempelt. Es hat für mich etwas von der Geschichte der untergehenden DDR. Regimekritik wurde als staats- und gesellschaftsfeindlich gebrandmarkt. Auf der anderen Seite entleerten sich die Strukturen durch das Scheitern der Ideologie um Alltag. Das können auch wir für den Seelsorgealltag bestätigen. Nicht nur als Priester. Auch gut katholische Laien, die – noch – in den Gremien vor Ort mitarbeiten, bekommen zu spüren, daß man nicht wirklich das Leben der Pfarreien verlebendigen will, sondern die Pfarreien ohne Pfarrer auf ein protestantisches Gemeindemodell umstellen will. Und dazu braucht man eines nicht: den Priester. Natürlich würde mir jetzt jeder verantwortliche Ordinariatsrat oder auch Bischof ins Gesicht springen für eine solch pauschale Aussage. Aber ich bleibe dabei: es ist empirisch nachweisbar, daß sich hinter der Fassade der sogenannten Kooperativen Pastoral die Strategie einer Reformation auf kaltem Wege befindet.

 

Kirchliche Umschau: Wie sieht die neue „kooperative Pastoral" aus? Welche Gründe werden für die Neuerungen angegeben? Welche Motive sehen Sie dahinter?

 

Pfarrer Dr. Guido Rodheudt:

Das Tragische am Begriff der Kooperativen Pastoral ist, daß er sich auf der Basis der Gutgläubigkeit Vieler wie ein Wolf im Schafspelz in den kirchlichen Alltag unserer Diözesen eingeschlichen hat. Ursprünglich wurde er unter dem Vorwand des Pragmatischen zur Bewältigung des Problems des Priestermangels eingeführt. Dort, wo sich mehrere Pfarreien einen Pfarrer teilen müssen, ergeben sich automatisch Fragen nach der Zusammenarbeit dieser Pfarreien auf verschiedenen Ebenen. So weit, so gut. Das wäre noch kein Anlaß zur Besorgnis. Im Gegenteil, es ist ein Gebot der Stunde, sich Gedanken über den Fortbestand der Seelsorge angesichts des katastrophalen Priestermangels zu machen. Ich habe z.B. mit meinen ehemaligen drei Pfarreien lange vor der Zeit der Zwangsfusionen im Bistum Aachen eine Fusion auf freiwilliger Basis veranlaßt. Und die Gremien haben einstimmig mitgezogen. Allerdings wurde in der Folge nichts abgeschafft, sondern – im Gegenteil – es kam zu einer Bereicherung des katholischen Lebens, weil nun die Zusammenarbeit mit dem Pfarrer als Leiter der Pfarrei besser und effizienter funktionierte. Vor allem hat entsprechendes Glaubens- und Gottesdienstangebot mit wöchentlicher Beichtgelegenheit und Eucharistischer Anbetung dafür gesorgt, daß die Wesensmitte der Pfarrei – das Allerheiligste – nicht verdunkelt wurde. Auch die würdige, liturgische und qualifizierte Kirchenmusik haben dafür gesorgt, daß unsere Gotteshäuser beständig gut besucht sind. Nicht zuletzt ist das auch möglich, weil in meinem Fall eine noch überschaubare Einheit von ca. 5500 Katholiken das Ergebnis der Fusion war, wo ich als Pfarrer hauptverantwortlich alle wesentlichen Bereiche des kirchlichen Lebens regeln kann und nicht eine „Seelsorgekolchose" von über 10.000 Katholiken leiten muß, die es nicht mehr möglich macht, den Überblick zu behalten. In meinem Fall stütze ich mich auf kompetente ehren- und hauptamtliche Laienmitarbeiter, die mich auf vielfältige Weise unterstützen. Es gibt jedoch – Gott-sei-Dank! – kein hauptamtliches „Pastorales Personal" – wie es im Jargon heißt. „Gott-sei-Dank" sage ich nicht, weil ich die Einrichtung solcher Berufe grundsätzlich für falsch halte, sondern weil in aller Regel die Laientheologen sich nicht als Zuarbeiter, sondern als selbständige „Seelsorger" – oftmals in Konkurrenz zum Pfarrer – verstehen. Das Ergebnis sind dann die Pastoralteams, in denen die Priester die Minderheit bilden und sich gegen die Laien nicht durchsetzen können. Daß ein Priester die Letztverantwortung hat, steht in aller Regel auf dem Papier. In den meisten Fällen ist aber in der Kooperativen Pastoral der Pfarrer nicht mehr als ein konstitutioneller Monarch, auch wenn er es selbst nicht merkt. Das aber bestätigt das, was ich eingangs sagte: der Pfarrer, der - im katholischen Sinne - ein kontinuierliches Gegenüber zu den ihm Anvertrauten ist und sie kraft der Weihevollmachten nicht nur betreut, sondern im geistlichen Sinne leitet, wird abgelöst durch einen therapeutischen „Seelsorger", der zur Not auch ein Laie sein kann. Sie können sich vorstellen, daß die Notwendigkeit der Sakramente und des Priestertum in diesem Kontext verblaßt und am Ende der Priester nur noch in eine Reihe mit anderen Charismen gestellt wird. Schon jetzt sind die Folgen für den Priesternachwuchs erkennbar: Wem als junger Mann dieses „Modell" von Priestertum vorgeführt wird, der wird es sich gut überlegen müssen, ob er bereit ist, den Zölibat und andere Verpflichtungen auf sich zu nehmen. Denn niemand kann ihm garantieren, daß er am Ende sein Priestertum in den neuen Strukturen überhaupt leben kann und bloß noch eine Art sakramentaler Lückenbüßer inmitten einer von Laien dominierten Pastorallandschaft ist. Die Tatsache, daß junge Männer aus Diözesen mit einer eklatanten Aufweichung der sakramentalen Strukturen nicht mehr in ihren Heimatdiözesen Priester werden wollen, sondern sich unter die Obhut von Bischöfen begeben, die für eine katholische Stringenz in der Amtsführung bekannt sind, beweist das. Ich überlasse es jetzt Ihren Lesern, herauszufinden, welche Diözesen oder Gemeinschaften ich meinen könnte. Hilfsweise könnten Sie ja einmal die Zahlen der Studierenden in den verschiedenen deutschen Priesterseminaren vergleichen... . Ich bleibe dabei: die Kooperative Pastoral – so wie sie praktiziert wird - hält nicht nur nicht das, was sie verspricht. Sie ist auch in ihrem Ansatz priesterfeindlich, weil sie die Sakramentalität der Kirche zugunsten eines reformatorischen Gemeindeverständnisses aufgibt. Dr. Peter Düren hat anhand der Analyse des Strukturwandels im Bistum Aachen auf der Theologischen Sommerakademie in Aigen / Österreich im August 2009 den Nachweis erbracht, daß die Realitäten in Deutschland weit von den römischen Vorstellungen entfernt sind und daß es nicht um einen Streit um die beste pragmatische Lösung geht, sondern um einen ideologischen Richtungsstreit im Hinblick auf das Wesen der Seelsorge im katholischen Sinne. Ausgangspunkt für seine Analyse war nicht zunächst seine persönliche Einschätzung, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme auf der Basis der vom Bistum Aachen selbst herausgegebenen Zahlen und Dokumente, die er synoptisch den römischen Dokumenten gegenübergestellt hat. Wenn man sich fragt, wie so etwas kommen konnte, muß man sagen: hier gehen natürlich die Früchte aus der jahrzehntelangen progressistischen theologischen Ausbildung an den deutschen Universitäten auf. Das, was der Heilige Vater im März 2009 warnend in der Vollversammlung der Kleruskongregation gesagt hat, ist leider durch die Praxis in Deutschland weitestgehend überholt. Der Papst hatte damals die Bischöfe davor gewarnt, Mittel und Methoden zur Reaktion auf den Priestermangel zu wählen, die einen noch größeren Mangel zur Folge haben würden.

 

Kirchliche Umschau: Es gib viele erbauliche Papiere aus dem Vatikan, in dem die Vollmachten des katholischen Priestertums klar ausgesprochen werden. Kommen diese Weisungen auch an der klerikalen Basis an? Welche theologischen Probleme sehen Sie?

 

Pfarrer Dr. Guido Rodheudt:

Das Netzwerk katholischer Priester hat sich schon seit Jahren auf die Fahne geschrieben, den Prozeß der Strukturveränderungen und seine Gefahren nicht nur zu dokumentieren, sondern auch wirksame Mittel zu einer Kurskorrektur zu ergreifen. Neben theologischen Fortbildungen und einem umfassenden Austausch zwischen Priestern im deutschen Sprachraum – wir verbinden über 300 Priester in der Pfarrseelsorge – sind es natürlich auch immer wieder Gespräche, die wir mit den entsprechenden römischen Stellen führen. Dabei war ich selbst im März letzten Jahres mit Vertretern des Netzwerks Katholischer Priester und des Linzer Priesterkreises im Vatikan. Mich hat dabei erstaunt, wie gut die Kongregationen – namentlich die Glaubens-, Klerus- und Gottesdienstkongregation sowie das Staatssekretariat – über die deutschen Verhältnisse informiert sind. Das beweist zunächst, daß es Sinn macht, sich an römische Stellen mit Beschwerden oder Anfragen aus Deutschland zu wenden. Ich kann jeden nur ermutigen, dieses Mittel zu nutzen und Hilferufe nach Rom zu senden! Andererseits fällt auf, daß der Heilige Vater, der im übrigen die Situation auch realisiert hat, gerne den Amtsweg über seine Behörden geht. Das bedeutet: es ergehen Apostolischen Schreiben oder es gibt Ansprachen an die Bischöfe beim regelmäßigen Ad limina-Besuch. Inhaltlich sind sie in einer wünschenswerten Weise deutlich. Die Umsetzung der Weisungen liegt dann jedoch in den Händen der Bischöfe, was natürlich zuweilen eine kafkaeske Situation hervorruft, weil die Bischöfe eben diese Weisungen nur in gefilterter Form oder aber gar nicht in ihren Diözesen weitergeben. Mit Weitergeben ist dabei natürlich eine wirkungsvolle Anwendung in den Ordinariaten, Seelsorgeämtern und Pfarreien gemeint und nicht ein bloßes Abdrucken und ein Auslegen am Schriftenstand. Besonders in der Kleruskongregation hat sich deren Sekretär, Erzbischof Mauro Piacenza, mit der dringenden Bitte an das Netzwerk katholischer Priester gewandt, die Päpstlichen Verlautbarungen durch unsere Internetarbeit aber auch persönlich zu verbreiten, wenn dies über die Diözesen nicht funktioniert. Es sei auch unsere Aufgabe, die Bischöfe zu überzeugen durch wiederholte Begegnungen und Gespräche. Ich verhehle nicht, daß bei allem Erstaunen über den guten Informationsstand römischer Stellen, was die deutschen Probleme betrifft, ich mir am Ende ein wenig vorkam, wie das Opfer, dem die Polizei empfiehlt, den Täter zu überzeugen. In jedem Fall zeichnet sich ab, daß Deutschland – mal wieder – einen Sonderweg geht, bei dem die römischen Papiere weitestgehend in der Schublade bleiben. Der Nuntius in Deutschlang Erzbischof Jean-Claude Périsset hat uns im Gespräch empfohlen, uns an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, zu wenden, da die Probleme nur im Land gelöst werden könnten. Der Sekretär der Bischofskonferenz hat uns nach zweimaliger Anfrage geantwortet, es sei – wenn überhaupt – eine Sache der einzelnen Diözesanbischöfe, sich der Kritik zu stellen. Daran können Sie sehen, was der Grund für die mühsamen Wegen von Rom nach Deutschland sind. Es liegt am Ortskirchenprinzip, mit dem das II. Vatikanische Konzil die Bischöfe in einer Weise in ihrer Verantwortlichkeit gestärkt hat, daß von Rom aus kaum noch unmittelbar in die Diözesen eingegriffen werden kann. Hier behindert sich die römischen Politik selbst. Die Bitte an uns, zur Veränderung und Kurskorrektur beizutragen, ist also nur auf den ersten Blick absurd. Sie ergibt sich aus der Anwendung des Prinzips der „Kollegialität" und aus der erwähnten Stärkung des Ortkirchenprinzips. Nun muß man aber noch hinzufügen, daß die Bischöfe zwar die Letztverantwortlichen sind, daß sie aber in dem, was sie entscheiden, oftmals nicht recht wissen, was sie tun. Das hört sich jetzt vermessen an. Aber wie viele Bischöfe waren denn in ihrer Vergangenheit Pfarrer oder wenigstens mit Aufgaben in der unmittelbaren Seelsorge im territorialen Bereich betraut? Dort also, wo sie jetzt umfangreiche Verwerfungen anordnen? Die Bischöfe sind deswegen mehrheitlich von ihren Beratern abhängig, die ihnen sagen, wie das Leben funktioniert und was gemacht werden muß, damit es eine Zukunftsfähigkeit der Seelsorge gibt. Daß das oftmals ungedeckte Schecks sind, wird natürlich nicht gesagt. Aber wenn dann demnächst der erste „Fünfjahresplan" – um nochmals den Jargon der DDR zu bemühen – abgelaufen ist, sind viele der heutigen Verantwortungsträger im Ruhestand. Ich gönne ihnen dann die nötige Zeit, um über ihre Fehler nachzudenken. Uns nützt es dann allerdings wenig. Wir vom Priesternetzwerk bleiben deswegen auch weiterhin lästig!

 

Kirchliche Umschau: Hochwürden, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Das Gespräch mit Hw. H. Pfarrer Dr. Guido Rodheudt führte KU-Redakteur Jens Mersch.

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