"Große Organismen neigen zur Parteienbildung.
Es gibt die einen und es gibt die anderen,
jedoch jede Seite will fürdas Ganze sprechen.
Wie bricht dann das Ganze nicht auseinander?
Demokratien bieten dafür die „Jeder darf einmal“-Lösung an, genauer:
Jede Partei darf die Macht übernehmen,
wenn sie eine Mehrheit hinter sich gebracht hat.
Diese Lösung ist überall da überzeugend,
wo Macht nicht an Wahrheit gebunden ist."
(Andreas Wollbold, Vatican MAgazin 6-7/2011)
Ein Katholik denkt global und handelt lokal. Er ist auf der ganzen Welt zuhause, aber damit noch nicht genug: Der Begriff des "Katholischen" (= "allumfassend") erstreckt sich nämlich nicht nur räumlich auf jedes Land dieser Erde. Wendet man den Begriff auf die Zeit an, so könnte man sagen: Nicht nur an jedem Ort dieser Welt sind Katholiken zuhause, sondern in jeder Epoche, in den vergangenen wie in allen zukünftigen. Zum Katholischsein gehören die Heiligen der vergangenen Jahrhunderte ebenso wie auch alles, was die Vorsehung Gottes für die Kirche und ihre Gläubigen noch vorbereitet hat.
Das großartigste Zeugnis dieser "katholischen" Geisteshaltung hat uns der Heilige Johannes mit dem letzten Buch der Heiligen Schrift geschenkt: Die Offenbarung des Heiligen Johannes ist ein Blick in den Himmel, der die universale (eben "katholische") Bedeutung Christi und seiner "Kirche" sichtbar werden lässt. Alle Epochen, alle Stämme und Völker sind berufen, dem geopferten Lamm zu dienen.
Diese Sicht ist für provinziell begrenztes Denken eine Zumutung. Deshalb haben clevere Geister den Begriff "konservativ" aus der Politik und der Soziologie geraubt, um ihn in die Kirche als Kampfbegriff einzuführen. Der Begriff soll fortan nicht länger eine soziologische oder politische Gruppe charakterisieren (in diesem - politischen - Sinne gab es immer Konservative und Liberale in der Kirche). Er wird nun direkt auf den Glauben angewendet.
Der Begriff "konservativ" (und seine Geschwister "erzkonservativ", "reaktionär") dient nun zur Stigamtisierung von Katholiken, die am Glauben der Kirche festhalten. Wer den Suchbegriff "konservative Katholiken" im Internet eingibt, erhält genau dieses Bild: Konservativ ist demnach, wer z.B. gegen Abtreibung ist und für den Schutz der sakramentalen Ehe einsteht. Konservativ ist, wer den Papst für unfehlbar, die kirchlichen Dogmen für wahr und die Gebote Christi und seiner Kirche für heilsnotwendig hält.
Eigentlich sind solche Leute nicht als "konservative Katholiken", sondern - tautologisch - als "katholische Katholiken" zu bezeichnen. Der Kampfbegriff des "Konservativen" suggeriert jedoch, dass es - wie in der Politik - auch im Hinblick auf den Glauben "konservative" und "progressive" Strömungen geben kann. Der Begriff der "Reform", des "Fortschritts" oder - neuerdings - des "Aufbruchs" bzw. der "Reformfreudigkeit" wird dabei von jenen beansprucht, die z.B. in den o.a. Punkten Ansichten vertreten, die mit der Lehre der Kirche unvereinbar sind. Auch hier hilft der Suchbegriff "Reformen der Katholischen Kirche" weiter.
Die Einführung ideologischer Begrifflichkeit (konservativ - liberal) in den Diskurs über Glaube und Moral zeugt von terminologischer Unkenntnis und ist schon rein strategisch gesehen ein Irrweg. Sie verhindert die sachorientierte Auseinandersetzung über das, was zum unverrückbaren Glaubensgut der Kirche gehört und über jenes, was tatsächlich als "Verhandlungsmasse" anzusehen ist.
Nebenbei bemerkt: Andere Milleus würden sich gegen eine solche Ideologisierung wehren, weil sie nicht nur unsachlich, sondern auch logisch falsch ist. Ist z.B. eine Chirurgentagung denkbar, bei der sich jene Ärzte, welche die Hygienevorschriften ihres Krankenhauses einhalten, als "konservativ" bezeichnen lassen würden?
Es ist allerhöchste Zeit, die ideologischen Hintergründe der momentanten Diskussion zu durchschauen. Leider übernehmen selbst Bischöfe in den Medien die Schlagworte "konservativ" und "liberal" - z.B. wenn Sie behaupten, sie gehörten nicht zum "konservativen Flügel" der Bischofskonferenz. Die einzig richtige Antwort wäre die Zurückweisung des Begriffs "konservativ" oder "liberal", weil er in Fragen des Glaubens kein passender Begriff ist. Es gibt keinen konservativen oder progressiven Glauben. Die Wahrheitsfrage kann nicht mit soziologischen Begriffen erläutert werden.
Ein Tipp: Werden Sie sensibel dafür, wenn in Gesprächen über Glaube und Kirche Begriffe wie "Fortschritt", "Rückschritt", "Offenheit", "Reformen" etc. verwendet werden. Fragen Sie nach, was damit gemeint ist. Weisen Sie es zurück, wenn Katholiken (insbesondere auch Priester), die den Glauben und die Lehre ihrer Kirche ernstnehmen, fälschlicherweise als "konservativ" bezeichnet werden.
Der Verfall unserer Diskussionskultur hängt eng mit dem Verfall der Sprache und einer unscharfen Begrifflichkeit zusammen. Dem sollten Katholiken widerstehen, soweit es in ihrer Macht steht. Die Sprache formt das Denken und ist umgekeht auch Ausdruck des Denkens. der Begriff des "Konservativen" sollte dorthin zurückverwiesen werden, woher er stammt - in die Politik. Im Raum der Kirche stiftet er nur Unheil.
Jolie (Landpfarrer)